Nichtwarenproduktion in der Gegenwart?

Zwischen den Vertretern der beiden unterschiedlichen Varianten einer Zukunftsgesellschaft, die eine Lösung der Menschheitsproblematik sichern kann, klaffen tiefe Gräben, zu Lasten der allgemeinen Akzeptanz. Die Rede ist hier von Gesellschaftsmodellen, die eine Alternative zum kapitalistischen System suchen, nicht von denen, die auf Reformen innerhalb bestehenden Kapitalismus gerichtet sind, diesen zukunftsfähig zu machen versuchen und sich ebenso als alternativ bezeichnen.

Vielleicht kommen beide hier interessierenden Seiten gemeinsam mit der Feuerzangenbowlenmethode der Sache auf den Grund. Also, wat is e Dampfmaschin? Do stelle mer uns mal janz dumm…

Den Anhängern einer Alternativgesellschaft, in der der Wert eine universelle Erscheinung ist, durch menschliche Arbeit bedingt, gilt der Wert auch außerhalb der Warenproduktion. Es gäbe demnach keine Warenproduktion ohne Wert, jedoch aber Wert ohne Warenproduktion. Logisch sei darob, der Wert, also abstrakte Arbeit, werde in der Produktion durch konkrete Arbeit in die Ware gebracht, auf dem Markt realisiert, sichtbar und meßbar. Somit wäre der Wert sowohl eine spezielle Art der Arbeit als auch ein gesellschaftliches Verhältnis. Auf gleicher Ebene mit konkreter und vergegenständlichter, eine dritte Sorte von Arbeit? Das dafür auf Marx bezogenen Argument ist der Begriff „Wertgröße“, die man wie jede Größe quantifizieren könne, sonst wäre diese Kategorie sinnlos, wohl eher ein physikalisches Argument. Demnach schaffe jede menschliche Arbeit Wert.

Diejenigen, die Nichtwarengesellschaft aus ihren Überlegungen folgern, sehen im Wert ausschließlich ein gesellschaftliches Verhältnis, das nur in der Warenproduktion entsteht, den man aus verschiedenen Gründen nicht messen könne und auch nicht sollte, da dies keinen Sinn ergäbe. Bei allen zukünftigen Wundern der Rechentechnik, es ist kein algorithmisches Modell denkbar, das die unsteten Wertgrößen mit allen Einflußkomponenten fließend berechnen könnte. Trotzdem, angenommen, eine Größe wäre errechnet, würde sie schon der Vergangenheit angehören. Nach mathematischen Gesetzen gäbe es unendlich viele Ergebnisse. Wozu soll das dann gut sein? Um zu sagen, heute um 18:OO:45,315674… war die Wertgröße einer Ware ungefähr 120 Werteinheiten gewesen? 0,000001 s später, in der Zwischenzeit lägen wiederum unzählige weitere Werte, hätte der Wert die Größe 120,2415… gehabt. Eine stete und aussagekräftige Bestimmung einer Wertgröße, so die Mathematik, ist unter diesen Bedingungen nicht möglich. Welche Werteinheit, in Geld ausgedrückt, noch problematischer, oder in Arbeitsstunden?  Welche Arbeitsstunden werden dafür erfaßt? Möglich wäre, die Stunden der individuellen konkreten Arbeit zum Zeitpunkt der Produktion mit allen Unterschieden zu erfassen. Wäre das Mittel der Summe die in die Ware injizierte gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit? Was geschieht auf dem Markt, der diese erst bestätigt, vorher ist sie nicht erfaßbar? Dann, auf dem Markt, jedoch ist der Produktionsprozeß abgeschlossen und nicht reproduzierbar. Es kann auf dem Markt nur ermessen werden, welche Wertgröße er akzeptiert, nicht deren Anteil an vorgeblich eingebrachter gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit, denn diese Größe ist unbekannt. Diese soll jedoch mit dem Verfahren der nachträglichen Marktmessung ermittelt werden. Ein Beweis der Zielthese mit der Ausgangsfrage? Der Kern weiterer Auseinandersetzungen, die Sachlichkeit erfordern, ist hiermit gegeben.

Die Vorstellungen zu einer Nichtwarengesellschaft beruhen nicht auf reiner Theorie in Wolkenkuckucksheim. Gewissermaßen spontan entstanden und bilden sich in aller Welt erste Netzwerke von Produzenten, die den Weg aus der Umklammerung durch das Kapital suchen. Die Kapitalverhältnisse strangulieren sie so sehr, daß ihre Existenzbedingungen wegbrachen. Sie versuchen, aus ihrer Kooperation das Verwertungssystem, Schaffung von Mehrwert und abstrakten Reichtums, herauszuhalten. Man kann diese neuen gesellschaftlichen Gebilde aber auch als erste Keime einer neuen Wirtschaftsbeziehung und damit in gesamtgesellschaftlicher Bedeutung sehen, versehen mit allen Mängeln neuen Lebens.  Noch beschränken sich diese „Kooperativen“ neuen Typus auf IT-Projekte, worunter z.B. Wikipedia, Mozilla u.a. zu finden sind, bzw. Vereinigungen zur Grundversorgung in Gebieten, in denen die Kapitalherrschaft  das gesellschaftliche Leben an sich in Frage stellt, auf Notsituationen. Peer-to-Peer-Production in Süd-Ost-Asien, Selbstverwaltung in Rojava und griechischen Städten, in Katalonien. Aus diesen speisen sich auch Rousseausche Rückwärtsorientierungen und –vorwürfe. Aber die Betroffenen haben keine Wahl, sie müssen dem materiellen Diktum folgen. Trotzdem liefern gerade diese Entwicklungen interessante Einblicke in Nichtwarengesellschaft, sind wertvoller Quell für Anderes. Der tragfähige Zusammenschluß  in „normaler“ Güterproduktion der materiellen Sphäre außerhalb von Notgemeinschaften anstelle Warenproduktion ist erst in zarten Ansätzen vorhanden. Commons in aller Welt sind erste Schritte. Es fragt sich, wo und wann, gezwungen durch welche Umstände öffnet sich ein Weg? Noch nicht empirisch belegt, Daten stehen noch nicht ausreichend zur Verfügung, aber in erster Analyse der Beobachtungen können Ansätze mehr erahnt werden. Heiße Kandidaten einer Expedition ins Ungewisse sind kapitalistische Unternehmen, die zwar mit höchstentwickelter Technologie produzieren, jedoch auf längere Sicht auf Grund des Monopolmarktes keine Perspektive erkennen. Niemand Geringeres als Sarah Wagenknecht stößt auf dieses Phänomen, sie löst allerdings den Widerspruch nach Zeiss’schem Stiftungsmodell innerhalb des Kapitalkreislaufes.  Welch ein nostalgischer Fortschritt, über den noch zu sprechen sein dürfte. Eine andere Möglichkeit wäre, auch innerhalb solcher Stiftungen andere Produktions- und Verteilungsstrukturen zu wagen, die nicht im Kapitalverkehr rotieren. Die Produktion erwüchse unmittelbar aus der Warenproduktion, Produzenten wären zugleich Konsumenten. Es wäre dann möglich, anfangs durch ein betriebliches, bei genügender Losgröße und gleicher Lage in weiteren Produktionsstandorten dann überbetriebliches, quasi ursprüngliches makroökonomisches  Organisationskomitee zur Koordinierung der Lieferbeziehungen die benötigten Produktionslose zu bestimmen, eine Teilfertigung für diesen Zweck im betrieblichen Gesamtrahmen durchzuführen und nach zu bestimmenden Kriterien den Bedürfnisträgern kauflos zu überlassen. Probleme lägen in den vielfältigen Schnittstellen zur Warenproduktion, lösbar, aber ein anderes Thema. Die Linken, auch Die Linke, hätten den Faden wiedergefunden, der in die Richtungen der Altvorderen führt. Allerdings hätte Die Linke ein Problem: eine andere gesellschaftliche Rolle als bisher angenommen und aktuell angestrebt, nicht Konkurrenzpartei zu den üblichen zu sein. Begleitung, Beratung, Absicherung, Inspiration und Gleichberechtigung anstelle Dominanz und Weisung, Anordnung.

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