These 1

Die Aktualität der Marxschen Werttheorie im 21. Jahrhundert. 1.Teil

1. Welcher Zusammenhang besteht zwischen Wert und menschlicher Arbeit?

Wir leben im 21. Jahrhundert in einer globalisierten Welt, die von einem alle gesellschaftichen Bereiche durchdringenden Finanzkapitalismus geprägt wird. Alle gesellschaftlichen Strukturen werden von diesen Finanzströmen beherrscht und dominiert; die wirtschaftlichen Zusammenhänge werden primär nicht mehr durch die Produktion und Verteilung von Waren bestimmt, sondern hauptsächlich den Entwicklungen und Erfordernissen der Aktien- und Finanzmärkte unterworfen.

In dieser „neuen“ Welt des Finanzkapitalismus scheinen alle „alten“ Gesetze außer Kraft gesetzt und völlig neue Regeln zum Verständnis der wirtschaftlichen Abläufe notwendig zu sein. Während Karl Marx vor 150 Jahren aus seiner Gesamtanalyse der kapitalistischen Gesellschaftsformation noch die Erkenntnis zog, dass „das Verhältnis des der Produktion vorausgesetzten zu dem aus ihr resultierenden Werts … das Übergreifende und Bestimmende des ganzen kapitalistischen Produktionsprozesses“ bildet, scheint in diesen neuen Verhältnissen die Relation von menschlicher Arbeit = Quantum gesellschaftlich notwendige Arbeit nicht mehr zu gelten und das Geld als gesellschaftlich allgemeine Ware seinen Zusammenhang zur Wertschöpfung verloren zu haben und ein abgehobenes und relativ unabhängiges, munteres Eigenleben zu treiben.

Die Vorstellung, daß Geldvermehrung ein eigendynamischer Prozeß geworden ist, der durch kreativ und hart arbeitende Finanzmanager eine Wertschöpfungskette erzeugt, die nur durch das Platzen von Spekulationsblasen die spekulativ aufgebauschten Türme des abstrakten Reichtums und des fiktiven Kapitals zum Einsturz bringt, ist weit verbreitet. Man könnte diesen virtuellen und spekulativen Treibjagden an den Finanzmärkten aus entsprechender Distanz gelassen zusehen, wenn die Kehrseite dieses Treibens nicht Armut, Hunger, Elend und Arbeitslosigkeit von Millionen von Menschen wäre.

Selbst Marxisten sind mittlerweile der Meinung, dass in diesen wirtschaftlichen Zusammen-hängen die Marxsche Relation von Arbeit und Wert, von vielen als Marxsche „Arbeitswerttheorie“ charakterisiert,  kaum noch eine Rolle spielt. Wir sollten uns daher nochmals kurz damit auseinander setzen, was Wert ist und welche Rolle er in dieser Phase des Finanzkapitalismus noch spielt.

Die kapitalistische Produktionsweise ist die höchste Entwicklungsstufe warenwirtschaft-licher Gesellschaftsformationen. Es gab vor dem Kapitalismus partiell entwickelte Systeme der Waren- und Geldwirtschaft und, wie man inzwischen durch das Scheitern des Realsozialismus erkennen mußte, wird es auch in der Auflösungsphase des Kapitalismus partielle warenwirtschaftliche Übergangssysteme geben, auch wenn bisher keiner so richtig weiß, wie diese funktionieren sollen oder werden.

Warenwirtschaftliche Systeme sind charakterisiert durch die Herstellung von menschlichen Arbeitsprodukten für den Austausch über ein Marktsystem. Güter werden als Gebrauchswerte hergestellt, um damit menschliche Bedürfnisse zu befriedigen. Diese Arbeitsprodukte sind das Ergebnis individueller, nützlicher Arbeiten und als solche nicht vergleichbar. Kommensurabel werden sie erst durch die banale Tatsache, dass alle individuellen Arbeiten gleichzeitig auch Verausgabungen allgemein menschlicher Arbeiten sind. Diese allgemein menschliche Arbeit macht sie vergleichbar und wird ausgedrückt in ihrem (Tausch)Wert. Der Wert als Ausdruck der in den Produkten enthaltenen Arbeit ist damit ihre Austauschrelation und ihr gesellschaftlicher Bewertungsmaßstab. Er wird in seinen entwickelten Erscheinungsformen (Geld, Kapital, Zins, etc.) zur gesellschaftlich allgemeinen (Bewegungs)Form der individuellen Arbeiten der Menschen.

Da man Wert aber weder sehen noch riechen oder schmecken kann, er das Ergebnis einer gesellschaftlichen Beziehung, also etwas Immateriellem ist, muss er sich, um gesellschaftlich wirksam zu sein, ein Trägermedium suchen, durch das diese gesellschaftliche Funktion zu Tage tritt und „tätig“ wird. Die verschiedenen individuellen gesellschaftlichen Produkte benötigen ein allgemeines Vermittlungsmedium, welches ihren Austausch bewerkstelligt. Dieses Medium haben sie im Geld gefunden. Dass es Geld geben muß, ergibt sich naturwüchsig unbewußt aus den Funktionsbedingungen der Warenwirtschaft, welche Ware diese Funktion gesellschaftlich zugewiesen bekommt, ist eine bewußte Entscheidung der Menschen. Das Geld wird dadurch die allgemeine Wertgestalt und auch die allgemeine Ware in warenwirtschaftlichen Systemen. Der Wert als die Basisbeziehung dieses Systems ist eine gesellschaftliche Beziehung von Arbeitsprodukten, die Menschen delegieren quasi ihre individuelle wie gesellschaftliche Reproduktion an eine eigendynamische Entwicklung ihrer Arbeitsprodukte.

Es ist scheinbar etwas mystisch Irrationales, dass die wichtigste gesellschaftliche Beziehung der Menschen durch eine Beziehung ihrer Arbeitsprodukte zum Ausdruck gebracht wird, aber diese Beziehung wird in ihren verselbständigten Formen zur dominanten Gesellschafts-struktur in diesem Produktionssystem. Denn dieses System, welches den ganzen Lebens- und Arbeitsprozeß der Menschen reguliert und bestimmt, wird von Ihnen nicht in freier und bewußter Entscheidung kreiert und gestaltet, es bildet sich zwar durch ihr Handeln heraus, aber ohne das ihnen diese gesellschaftlichen Zusammenhänge als solche bewußt wären, in einem naturwüchsigen Prozeß.

Jede menschliche Arbeit, die ein individuelles Produkt herstellt, ist auch gleichzeitig ein Teil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit. Als solcher muss sie auch gemessen, bewertet und verteilt werden. Menschliche Arbeit ist daher nicht Wert und sie hat auch keinen Wert; indem sie individuelle Gebrauchswerte herstellt, bildet sie in diesem Arbeitsprozeß gleich-zeitig einen Teil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit, die sich im Wert ausdrückt und durch seine äußerlichen Erscheinungsformen, das Geld und seine ideelle Form, den Preis gemessen und bewertet werden. Von einer „Arbeitswerttheorie“ zu sprechen, kann daher auf einen Irrweg führen. Denn Wert kann man nicht produzieren, er ist keine besondere Sorte Arbeit, sondern eine gesellschaftliche Form, eine qualitative und quantitative Bewertungs-form eines Arbeitsprodukts als Ware. Wertformen sind daher keine ewig gültigen (Natur) Formen und sie entspringen auch nicht dem menschlichen Geist, sie sind also auch keine Denkformen. Es sind historisch vorübergehende, naturwüchsig entstandene gegenständliche Gesellschaftsformen. Daher sind sie auch auflösbar und abschaffbar und durch einen höher entwickelten gesellschaftlichen Vermittlungszusammenhang ersetzbar.

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2 Responses to These 1

  1. Die Aussagen von Klaus Müller zur Werttheorie
    Im Forum des Blättchens wurde in der Zeit vom 01. bis 07.Oktober dieses Jahres ein Disput zum Wertbegriff angefangen, dann aber abgebrochen, weil dieses Format nicht zur sachlichen Weiterführung taugt. Einige, wenn nicht gar die meisten Fragen blieben offen. Wir luden dazu ein, hier auf dieser Website die Diskussion fortzusetzen. Verwundert muß man aber feststellen, daß die Protagonisten weiterhin diese Möglichkeit, die Notwendigkeit wegwischend, nicht wahrnehmen. Warum?
    Kommt der Prophet nicht zum Berge,…, also erlauben wir uns, aus dem bisher Gesagten des Blättchenforums die Aussagen hier zusammenzufassen, soweit sie dem Wertbegriff zuzuordnen sind. Ein paar Fragen zum Inhalt sind als Garnitur auch schon angehängt.
    Leider reduziert sich dieser Text auf die Beiträge von Klaus Müller, der immerhin Stellung bezog, andere zogen Schweigen vor.
    Klaus Müller ließ nachfolgende Thesen zum Wert erkennen:

    1. eMail Klaus Müller sagt: 7. Oktober 2017 um 14:04
    Konkrete Arbeit bildet den Gebrauchswert, abstrakte Arbeit den Wert. „Ein Gebrauchswert oder Gut hat also nur einen Wert, weil abstrakt menschliche Arbeit in ihm vergegenständlicht oder materialisiert ist. Wie nun die Größe seines Werts messen? Durch das Quantum der in ihm enthaltenen ‚wertbildenden Substanz‘, der Arbeit. Die Quantität der Arbeit selbst mißt sich an ihrer Zeitdauer, und die Arbeitszeit besitzt wieder ihren Maßstab an bestimmten Zeitteilen, wie Stunde, Tag usw.“ Das sagt Marx. Und das ist eindeutig. Nach Harbach würde diese Aussage das ganze Dilemma offenbaren. Seiner Auffassung, dass man keine abstrakte Arbeit, nur konkrete Arbeit messen könne, war Marx ganz offenbar nicht. Warum und wie man abstrakte Arbeit und damit Wert messen kann, habe ich an anderer Stelle zu begründen versucht. Lesenswert in diesem Zusammenhang auch das Buch von Georg Quaas „Die ökonomische Theorie von Karl Marx“. Harbach ist zu empfehlen, nochmal über den Inhalt des Begriffs „abstrakte Arbeit“ nachzudenken. Da er das Gegenteil sagt wie Marx, lautet die Frage, wer von beiden Recht hat. Auf den Widerspruch zwischen Harbach und Marx wollte ich hinweisen.

    Dazu seien erste Anmerkungen und Fragen gestattet:

    Die Ausgangsthese (Konkrete Arbeit bildet den Gebrauchswert, abstrakte Arbeit den Wert.) bildet nicht vollständig, eher einengend das nachfolgende Marxzitat ab. Sie läßt die Komplexität des Verhältnisses konkreter + abstrakter Arbeit außer Acht, die aber im Marxzitat zu finden ist: konkrete Arbeit ist unbedingte Voraussetzung für abstrakte Arbeit, gilt aber nicht umgekehrt. Damit erweisen sich die Kategorien konkrete + abstrakte Arbeit als nicht nebeneinander auf gleicher Stufe stehend. Beide Begriffe kennzeichnen Verhältnisse völlig anderen Charakters, können so nicht relativ gleichberechtigt, wie in Ausgangsthese dargestellt, nebeneinander gestellt und gleich behandelt werden (z.B. Messung). Der in diesem Zusammenhang entscheidende Satz von Marx: „Wie nun die Größe seines Werts messen? Durch das Quantum der in ihm enthaltenen ‚wertbildenden Substanz‘, der Arbeit.“ wird durch Klaus Müller so interpretiert, daß Marx auch die abstrakte Arbeit messen wolle. Ketzerisch gefragt: Warum hat Marx das aber nie getan? Ist der Satz von Müller u.a. vielleicht wenig überlegt so eingestuft worden? Kann Marx nicht gemeint haben: Wenn ihr den Wert messen wollt, könnt ihr (nur) die „wertbildende Substanz“, [die] Arbeit, messen? „Wertbildende Substanz“, nicht „Wertsubstanz“! Könnte er nicht logischerweise dabei die konkrete Arbeit als „wertbildende Substanz“ gemeint haben? Könnte es sein, daß Marx es nicht für möglich hielt, daß jemand den Wert direkt zu messen versuchen wird? Ist seine obige Gedankenweiterführung nicht nur formal logisch ohne praktische Substanz? Und warum hat Marx den Begriff ‚wertbildende Substanz‘ in Anführungsstriche gesetzt?

    Weiterhin läßt Klaus Müller folgende Wertauffassungen erkennen:

    2. eMail Klaus Müller sagt: 4. Oktober 2017 um 13:54
    Für Werner Richter, der sich so sehr für die Wertformenanalyse zu interessieren scheint:
    {https://www.jungewelt.de/artikel/318338.ma%C3%9F-der-werte.html?sstr=Ma%C3%9F%7Cder%7CWerte :}
    Dort steht folgendes zum Wert:
    {Maß der Werte

    Von Klaus Müller
    … Aber das »Kapital« ist nicht die »reine« Theorie eines »idealen« Kapitalismus. Es ist die Theorie der kapitalistischen Entwicklung. Sie erfasst das Gemeinsame und Wesentliche, nicht das regional und national Differenzierte. …
    Grundbegriffe des »Kapitals«
    … Waren sind gesellschaftliche Gebrauchswerte. Sie befriedigen menschliche Bedürfnisse. Der Gebrauchswert ist die Summe der nützlichen Eigenschaften einer Ware. Etwas kann Gebrauchswert sein, ohne Ware zu sein,…Waren sind Produkte menschlicher Arbeit, bestimmt für den Tausch. … Das Gemeinsame der Waren, so verschieden ihre Gebrauchswerte und Verwendungszwecke sein mögen, ist: Sie sind Produkte der Arbeit. Diese hat einen Doppelcharakter. Die konkrete Arbeit schafft den Gebrauchswert. … Abstrahieren wir von den konkreten Inhalten, bleibt allgemein menschliche Arbeit, die Verausgabung von physischer und geistiger Kraft. Marx spricht von »abstrakter Arbeit«. Sie bildet den Wert, ist dessen Substanz. Das Quantum der abstrakten Arbeit ist die Wertgröße. Sie entspricht der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit. Das ist die Zeit, die nötig ist, eine Ware unter gesellschaftlich normalen Produktionsbedingungen und dem gesellschaftlichen Durchschnittsgrad von Geschick und Intensität herzustellen. Der Wert kann nur ausgedrückt werden im Tauschwert, d. h. in einer Menge anderer Waren. Der Tauschwert ist die Form, in welcher der Wert erscheint. Marx untersucht die historische Entwicklung der Wertformen, die in die Geldform des Werts mündet: Der Wert tritt in Form des Geldes neben die Ware. Der in Geld ausgedrückte Tauschwert ist der Preis. …}

    Auch hierzu gestatten wir uns erste Anmerkungen:

    Dieser Satz widerspricht schon an sich der direkten Wertmessung. Wenn, dann wäre der Tauschwert zu messen, der aber, siehe oben, wird im Preis ausgedrückt. Also, Preisanalyse. Aber kommt man dann auf Wert?
    In bisherigen Diskussionsbeiträgen im Blättchenforum wurde so getan, als ob schon immer bezüglich der Wertform alles klar und ausreichend, auch ohne die Neuerscheinung (Das Kapital 1.5 Die Wertform), diskutiert worden sei. Die Neuerscheinung sei ein unnötiger Kropf, bestenfalls eine formale, bedeutungslose Ergänzung des „Das Kapital“. Dabei ist auch kein Bezug auf „Das Kapital 1.5 Die Wertform“, in keiner Darlegung im Disput. Dieses beinhaltet u.a. Aussagen aus „Zur Kritik der PÖ“ (1859). Marx benennt dort als Wertformproblem: Tauschwert einer Ware ist nur erfaßbar aus unendlich vielen Gleichungen, worin Gebrauchswerte aller anderen Waren ihr Äquivalent sind. Nur in Summe aller Gleichungen (Gesamtheit der verschiedenen Proportionen), in der eine Ware mit jeder anderen Ware austauschbar ist, ist sie erschöpfend als allgemeines Äquivalent ausgedrückt.
    Marx bezog sich dabei auf Samuel Baileys Kritik an Ricardo: Der mache aus etwas Relativem (Verhältnis zweier Waren im Austausch) etwas Absolutes (Wert als (innere) Eigenschaft einer Ware).
    In den „ökonomischen Manuskripten“ (1861-1863) präzisierte Marx: Bailey erkannte Ricardos widersprüchliche Wertbegriffe: Ricardo untersucht Wert nicht der Form nach, die die Arbeit als Substanz des Wertes annimmt, sondern nur als Wertgröße. Schlußfolgerung von Marx: Präzise Begriffsbestimmung von Wertsubstanz, Wertgröße + Wertform, dies ist von PÖ bis heute als systematischer Zusammenhang von Ware + Geld nicht erfaßt.
    Klaus Müller offenbart mechanistische, starre Auffassungen zum Verhältnis konkreter + abstrakter Arbeit, wie sie Marx via Bailey an Ricardo kritisiert, den Wert als innere Eigenschaft einer Ware. Er scheint da unter diesem Aspekt ganz nah bei Ricardo zu sein.

    Ausführlich erläutert Klaus Müller seine Wertdefinition nochmals in nachstehender Arbeit:

    3. 16Z107Müller PDF 07-08-16
    Historizität und Messbarkeit der abstrakten Arbeit

    Problemstellung

    - Was sind Inhalt der abstrakten und konkreten Arbeit und der Unterschied
    zwischen ihnen?
    - Ist abstrakte Arbeit eine physiologische oder eine gesellschaftlich-
    historische Kategorie?
    - Kann abstrakte Arbeit gemessen werden oder nur konkrete?
    - Welche Bedeutung hat die abstrakte Arbeit für die Geldtheorie?
    Der Unterschied zwischen konkreter und abstrakter Arbeit

    Der Unterschied zwischen konkreter und abstrakter Arbeit
    Die Warenproduktion ist Arbeits-, Wertbildungs- und Verwertungsprozess (zum Unterschied
    der beiden letzten: MEW 23:209). Der Zweiseitigkeit des Prozesses entspricht die Dualität
    seines Resultats: Die Ware – das Produkt, das für den Austausch produziert und gegen andere
    Produkte ausgetauscht wird (MEW 23: 49, 55) – ist Gebrauchswert und besitzt Wert. Der
    Gebrauchswert ist die Nützlichkeit des Dings. Sie zeigt sich im Gebrauch bzw. in der Konsumtion
    (MEW 23:50). Die Ware tauscht sich in einem bestimmten Verhältnis mit anderen Waren. Dieses
    wechselt mit Zeit und Ort. Die Proportion ist der Tauschwert, … Offenbar ist der Tauschwert
    „die ‚Erscheinungsform’ eines von ihm unterscheidbaren Gehalts“ (MEW 23:51)…
    …Wenn wir von den unterschiedlichen zweckdienlichen Eigenschaften der Waren absehen, wird
    das ihnen Gemeinsame sichtbar: dass zu ihrer Produktion „menschliche Arbeit aufgehäuft ist.
    Als Kristalle dieser ihnen gemeinschaftlichen gesellschaftlichen Substanz sind sie Werte –
    Warenwerte“ (MEW 23:52). Der Wert ist das in den Waren enthaltene Quantum Arbeit. Er ist
    verborgen unter einer dinglichen Hülle, erscheint als Tauschverhältnis, als Verhältnis zweier
    Gebrauchswerte…
    …Gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist die, in der irgendein Gebrauchswert „mit den
    vorhandenen gesellschaftlich-normalen Produktionsbedingungen und dem gesellschaftlichen
    Durchschnittsgrad von Geschick und Intensität der Arbeit” erzeugt wird (MEW23: 53). Der Wert
    ist mehr als ein gewisses Quantum Arbeit. Er ist ein Verhältnis, das die privaten Produzenten in der
    Produktion eingehen, ein Produktionsverhältnis, das an der Oberfläche der Märkte als ein Ver-
    hältnis von Sachen erscheint. In allen Wirtschaftsordnungen, in denen Produkte als Waren
    produziert werden, bedarf es des Wertes als Tauschgrundlage. Die Marktpreise weichen in
    Abhängigkeit von Angebot und Nachfrage vom Wert ab. Sind Angebot und Nachfrage gleich, ist
    der Preis – der Preis im Gleichgewicht – korrekter Ausdruck des Wertes. „Im Prinzip gibt es keinen
    Austausch von Produkten, sondern einen Austausch von Arbeiten, die zur Produktion zu-
    sammenwirken“ (MEW 4: 104). Und: „Indem sie ihre verschiedenartigen Produkte einander im
    Austausch als Werte gleichsetzen, setzen sie ihre verschiednen Arbeiten einander als menschliche
    Arbeit gleich. Sie wissen es nicht, aber sie tun es“ (MEW 23: 88). Die privaten Arbeiten der
    Produzenten müssen sich als „Glieder der Gesamtarbeit“ erweisen. Sie tun es, indem sie ein
    bestimmtes gesellschaftliches Bedürfnis befriedigen.
    Marx fand es sonderbar, „daß den Ökonomen ohne Ausnahme das Einfache entging, daß wenn die
    Ware das Doppelte von Gebrauchswert und Tauschwert, auch die in der Ware dargestellte Arbeit
    Doppelcharakter besitzen muß“ (MEW 32: 11). Jeder Warenproduzent leistet zweckgebundene,
    konkrete Arbeit: …
    …Konkrete Arbeit unterscheidet sich im Hinblick auf ihren Zweck, die verwendeten Werkzeuge,
    die Verfahren und ihre Ergebnisse. Sie bringt verschiedene Gebrauchswerte hervor: …
    Sehen wir von der Bestimmtheit der konkreten Arbeiten ab, bleibt, dass sie alle Verausgabung
    menschlicher Arbeitskraft sind….[konkrete Arbeiten] besitzen die gleiche physiologische
    Grundlage: Sie sind eine produktive Verausgabung und Beanspruchung von Hirn, Muskel,
    Nerven, Geisteskraft, Hand usw. (MEW 23: 56ff.).
    Die Arbeit, die von allen konkreten Formen und Inhalten abstrahiert, ist Arbeit schlechthin,
    allgemeine Arbeit.
    In der Warenproduktion wird sie zur abstrakten Arbeit. Damit die Waren als Gebrauchswerte
    quantitative Verhältnisse untereinander eingehen können, muß von ihren Gebrauchswerten und
    damit vom konkreten Inhalt der Arbeiten abstrahiert werden. „Alle Arbeit ist einerseits
    Verausgabung menschlicher Arbeitskraft im physiologischen Sinn und in dieser Eigenschaft
    gleicher menschlicher oder abstrakt menschlicher Arbeit bildet sie den Warenwert. Alle Arbeit ist
    andrerseits Verausgabung menschlicher Arbeitskraft in besondrer zweckbestimmter Form, und in
    dieser Eigenschaft konkreter nützlicher Arbeit produziert sie Gebrauchswerte.“ (MEW 23: 61)
    …Marx erklärt, was er unter dem physiologischen Inhalt der abstrakten Arbeit versteht, und nennt
    diese eine „gemeinschaftlich gesellschaftliche Substanz“ (MEW 23/52).
    …Wertbildende Arbeit ist nicht in dem Sinne abstrakte Arbeit, dass sie nur etwas gedanklich
    Vorgestelltes, etwas Fiktives, ist. Ihr abstrakter Charakter besteht darin, dass sie von den
    Besonderheiten der unterschiedlichen konkreten Arten menschlicher Arbeit abstrahiert.

    Abstrakte Arbeit – eine physiologische oder eine gesellschaftlich-historische Kategorie?
    Arbeit in [diesem] allgemeinen, „naturalistischen“ Sinn wird unter bestimmten gesellschaftlichen
    Bedingungen zur abstrakten Arbeit. Die abstrakte Arbeit kann nicht auf ihre physiologische
    Grundlage reduziert werden. Sonst hätte sie es immer gegeben. Abstrakte Arbeit wäre eine
    ahistorische, natürliche, übergesellschaftliche Eigenschaft der Arbeit und – das wäre die
    Konsequenz – erzeuge in allen Epochen der Wirtschaftsgeschichte Wert…
    Die physiologische Gemeinsamkeit der unterschiedlichen menschlichen Arbeiten wird erst zur ökonomischen Kategorie der abstrakten Arbeit, wo die Menschen ihre Produkte als Waren produzieren. Und das ist nicht erst im Kapitalismus so. Die Produkte haben nicht nur Gebrauchswert, sondern auch Wert, auf dessen Basis sie getauscht werden. Ohne Warenproduktion gibt es keinen Wert, der sich als Tauschwert äußert. Und wo es keinen Wert gibt, existiert auch keine abstrakte Arbeit. So sahen es Marx und der „Offizialmarxismus“. Ruben und Wagner widersprachen der offiziellen Deutung und bekamen in der DDR Schwierigkeiten. (Ruben, Wagner 1980) Dabei sind ihre Argumente durchaus begründet, sofern man die abstrakte Arbeit mit ihrem physiologischen Gehalt identifiziert.
    Arbeit, in welchen konkreten Formen auch immer, ist nach Marx ewige Naturbedingung des menschlichen Lebens, ist allen gesellschaftlichen Formen seit dem Neolithikum eigen… So könnte man der Meinung sein, dass es einen Wert auch ohne Ware gibt. Wert existiere unabhängig von jeglicher Warenproduktion…
    Ich hatte ihnen zugestimmt (Müller 2015: 58), will daran hier anknüpfen und meinen Standpunkt präzisieren. Für die Existenz des Wertes außerhalb der Warenproduktion spricht neben der physiologischen Bestimmung der Arbeit, dass das Arbeitszeitpotenzial, über das eine Gemeinschaft verfügt, auf die Bedürfnisse und Produktarten aufgeteilt werden muss. Dies gilt für jegliche Produktion: „Gemeinschaftliche Produktion vorausgesetzt, bleibt die Zeitbestimmung natürlich wesentlich … Ebenso muß die Gesellschaft ihre Zeit zweckmäßig einteilen, um eine ih-
    ren Gesamtbedürfnissen gemäße Produktion zu erzielen … Ökonomie der Zeit, sowohl wie planmäßige Verteilung der Arbeitszeit auf die verschiednen Zweige der Produktion, bleibt also erstes ökonomisches Gesetz auf Grundlage der gemeinschaftlichen Produktion“ (MEW 42: 89).
    Zu Erstens: Nach dieser Logik sind Uhren, die stehengeblieben sind, denen, die 1 Min/Tag vor- oder nachgehen, vorzuziehen, da sie 2 mal am Tag die richtige Zeit anzeigen, die anderen jedoch nicht.
    Zu Zweitens: Die Nichtidentität ist aber auch umgekehrt kein Beweis der Meßbarkeit. Mit dem Röpke-Zitat ist zur hier anstehenden Frage gar nichts gesagt, denn dieser spricht vom Preis, der hier nicht zur Diskussion steht. Setzt hier Müller Wert = Preis?
    „Für den Kapitalismus ist das richtig, sollte uns aber nicht davon abhalten, die Frage grundsätzlicher zu stellen.“ Sucht Klaus Müller nach einer Wertbestimmung, die allgemein, aber nicht für den Kapitalismus gilt? Eine Begründung, warum der Wert meßbar sein sollte, ist hier nicht zu finden, nur die Behauptung mit Hilfe der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit, mit der er die Wertfrage umgeht. Versteht er den Wert nicht der Form nach, die die Arbeit als Substanz des Wertes annimmt, sondern nur als Wertgröße? Darauf deutet sein Satz „Die Frage ist nicht, ob, sondern wie abstrakte Arbeit und Wert zu messen sind.“ hin. Es ist wohl äußerst notwendig, zuerst die Frage, ob Wert meßbar sei, zu stellen. Erst den Bären erlegen! Zunächst reicht es zu fragen, welchen Wert er ermitteln will, zu welchem Zeitpunkt. Denn dieser ist ja nie fix, immer in Bewegung und von unzähligen Faktoren ständig unter Beschuß. Wozu soll das eigentlich gut sein?

    Erste Zwischenfragen:
    Identifiziert hier Müller abstrakte Arbeit mit physiologischem Gehalt, gewissermaßen in Rückabwicklung der Abstraktion in konkrete Arbeit, um nachträglich konkrete + abstrakte Arbeit gleichstufig zu machen + so Voraussetzungen zur Wertmessung zu schaffen? Was soll eigentlich eine Identifikation der abstrakten Arbeit mit ihrem (welchem?) physiologischen Gehalt sein? Was ist der physiologische Gehalt der abstrakten Arbeit? Warum soll das Gesetz der Ökonomie der Zeit allgemein den Zusammenhang Warenproduktion + Wert aufheben? Das Marxzitat ist ausschließlich auf eine Produktionsweise gerichtet, die keine Warenproduktion ist („Gemeinschaftliche Produktion“). Es verweist auf eine qualitativ völlig neue Funktion des Gesetzes der Ökonomie unter diesen veränderten Bedingungen. Es kann deshalb wohl nicht als allgemein so wirkendes Gesetz für alle Produktionsweisen, wie hier versucht wird, herhalten.


    Abstrakte Arbeit und Wert – messbar?
    Abstrakte Arbeit bildet Wert. Sie ist die Substanz des Wertes. Werte zu messen bedeutet, abstrakte Arbeit zu messen. Lässt sich die Menge der in einer Ware enthaltenen abstrakten Arbeit nicht feststellen, dann kann auch kein Wert gemessen werden. Einige Ökonomen sagen, abstrakte Arbeit könne nicht gemessen werden, weil sie „keine gegenständliche arbeitsausübende Tätigkeit sei“, sondern eine gesellschaftliche Kategorie, „etwas Immaterielles“. Abstrakte Arbeit sei ein gesell-
    schaftliches Verhältnis und ein solches Verhältnis könne nicht verausgabt werden. (Heinrich 2006: 218) „Abstrakte Arbeit ist keine Sorte Arbeit, die man verausgaben oder mit der man etwas messen“ könne. Man könne immer nur die konkrete Arbeit messen. Reitter sagt, eine Messung abstrakter Arbeit könne es nicht geben, weil „die tatsächlich geleistete Arbeitszeit und die wertbestimmende Arbeitszeit theoretisch wie praktisch niemals übereinstimmen“ (könnten). „Bei der abstrakten Arbeit wird nicht nur vom konkreten Inhalt, sondern auch von der Zeitdauer abstrahiert. Also, eine Stunde Schneiderarbeit ergibt keineswegs eine Stunde Verausgabung von Muskel, Nerv und Gehirn, sondern eine unbestimmte Zeitdauer, die niemand, weder vor, während, noch nach der Produktion ausrechnen oder bestimmen kann. Die Rede, abstrakte Arbeit sei bar jeden Inhalts bloß mit der Uhr messbar, ist völlig irreführend und falsch.“ Erstens stimmt das nicht. Die Übereinstimmung liegt vor, wenn die individuelle Arbeit unter den „gesellschaftlich normalen Bedingungen“ geleistet wird. Das mag Zufall sein, aber darauf kommt es nicht an, denn zweitens ist die übliche Nichtidentität von individueller und gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit kein Beweis, dass die letzte prinzipiell nicht gemessen werden könnte. Warum sollte die individuelle Arbeitszeit des einzelnen Produzenten, nicht aber die gesellschaftlich notwendige gemessen werden können? Welche Arbeitszeit ist gesellschaftlich notwendig und wie kommt es zu Abweichungen zwischen ihr und den individuellen Arbeitszeiten? „Ich denke“, sagt Harvey, „bis heute ist das für uns die große Frage“. Marx zeige, „dass der Wert bestimmt wird von einem Prozess, den wir nicht verstehen … und dass die Art, wie sich diese Werte uns aufzwingen, erst noch entschlüsselt werden muss.“ (Harvey 2011: 32)
    Unter privatkapitalistischen Eigentumsverhältnissen kann sich die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit erst nachträglich im Austausch zeigen. Dies hat zu zwei prinzipiellen Fehlschlüssen geführt: 1. Der Wert entstehe erst im Austausch. 2. Er sei nicht messbar. Ihn „auszurechnen … ist ein Rechenkunststück, dass immer nur der Rechenmeister Markt vollbringen kann. Es gibt keine andere Methode, den richtigen, d.h. der Gleichgewichtslage entsprechenden Preis …zu bestimmen als
    die marktwirtschaftliche; wir können diese Größen nicht irgendwie mathematisch-statistisch im voraus berechnen, sondern nur hinterher konstatieren, nachdem der „Markt“ seine Schuldigkeit getan hat“ (Röpke 1944: 59). Für den Kapitalismus ist das richtig, sollte uns aber nicht davon abhalten, die Frage grundsätzlicher zu stellen. Der Marxsche Wertbegriff besitzt vier Elemente: Der Wert ist erstens ein Produktionsverhältnis, das die privaten Warenproduzenten in der arbeitsteiligen Produktion (nicht erst im Austausch!) objektiv eingehen. Seine Substanz (Qualität) ist zweitens die abstrakte Arbeit, sein Maß (Quantität) drittens die Menge an
    dieser Substanz, die gesellschaftlich notwendige abstrakte Arbeit. Gemessen wird diese in Zeit, kurz: gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit. Über ihre Größe wird in der Produktion entschieden. Der Wert einer Ware kann sich nicht als Arbeitszeit selbst darstellen, sondern bedarf dazu einer anderen Ware. Die Form, in der er erscheint, ist viertens der Tauschwert (Erscheinungsform des Wertes). Auch wenn er erst im Austausch erscheinen kann, heißt das nicht, der Wert entstünde dort. Er ist vorher nur nicht bekannt. Der Produzent kennt seine individuelle Arbeitszeit, die gesellschaftlich notwendige kennt er nicht. Auch sein Tauschinteressent weiß
    nicht, wie viel gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit in einem Kasten Pils „steckt“. Beide wissen nur, dass dieser 3 kg Butter wert ist.
    Es scheint, als könne man ein Verhältnis zwischen Menschen nicht messen. Welche Dimension soll dieses Verhältnis haben? Wir müssen die vier Wertelemente als eine Einheit sehen. Die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist die Quantifizierung des Produktionsverhältnisses. Diese Größe besagt, wie viel Arbeitszeit der Produzent in einer gemeinschaftlichen, arbeitsteiligen Produktion für seine Waren aufwenden und damit von der der Gesellschaft zur Verfügung stehenden
    Gesamtarbeitszeit beanspruchen darf. „Daß jede Nation verrecken würde, die, ich will nicht sagen für ein Jahr, sondern für ein paar Wochen die Arbeit einstellte, weiß jedes Kind. Ebenso weiß es, daß die den verschiednen Bedürfnismassen entsprechenden Massen von Produkten verschiedne und quantitativ bestimmte Massen der gesellschaftlichen Gesamtarbeit erheischen. Daß diese Notwendigkeit der Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit in bestimmten Proportionen durchaus
    nicht durch die bestimmte Form der gesellschaftlichen Produktion aufgehoben [wird], sondern nur ihre Erscheinungsweise ändern kann, ist self-evident. Naturgesetze können überhaupt nicht aufgehoben werden. Was sich in historisch verschiednen Zuständen ändern kann, ist nur die Form, worin jene Gesetze sich durchsetzen. Und die Form, worin sich diese proportionelle Verteilung der Arbeit durchsetzt in einem Gesellschaftszustand, worin der Zusammenhang der gesellschaftlichen Arbeit sich als Privataustausch der individuellen Arbeitsprodukte geltend macht, ist eben der Tauschwert dieser Produkte“ (MEW 32: 552f.) Die proportionale Verteilung der Arbeit ist bei vergesellschafteter Produktion eine immerwährende Aufgabe, auch in einer nachkapitalistischen Ordnung, die vielleicht keine Warenproduktion mehr ist.
    Lässt sich die Arbeitszeit nur für konkrete Arbeiten, nicht aber für abstrakte Arbeiten ermitteln? Die Größe des Wertes wird gemessen „durch das Quantum der in ihm enthaltenen ‚wertbildenden Substanz’, der Arbeit. Die Quantität der Arbeit selbst mißt sich an ihrer Zeitdauer …“ (MEW 23: 53). Wer drei Stunden konkrete Arbeit leistet (malt, mauert, schaufelt, Brot bäckt …), leistet in dieser Zeit auch abstrakte Arbeit, d.h. er strengt Hirn, Muskeln, Nerven an, und zwar drei Stunden
    lang. Der Wert hat eine Größe, besitzt eine Dimension, die Arbeitszeit. Wer meint, diese könne nicht gemessen werden, muss offenbar glauben, Sekunden, Minuten oder Stunden ließen sich nicht ermitteln und zusammenzählen. Die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit gibt an, wie viel Zeit im gesellschaftlichen Durchschnitt die Produzenten für die Produktion ihrer Waren aufwenden. „Es ist selbstverständlich, daß das normale Produkt zweitägiger oder zweistündiger Arbeit doppelt soviel wert ist wie das, was normalerweise das Erzeugnis eintägiger oder einstündiger Arbeit ist“ (Smith 1776/1976: 62). „Wenn die in den Gegenständen enthaltene Arbeitsmenge ihren Tauschwert bestimmt, dann muß jede Vergrößerung des Arbeitsquantums den Wert des Gegenstandes, für den es verwendet wurde, erhöhen, ebenso wie jede Verminderung ihn senken muß“ (Ricardo 1817/1959: 12). Der Auffassung, bei der abstrakten Arbeit abstrahiere man von der Zeitdauer, folglich könne man sie nicht messen, waren die Klassiker der Politischen Ökonomie und Marx nicht. Gesellschaftlich notwendige Zeit ist messbar wie jede Zeit: in Stunden, Minuten, Sekunden…
    Dass unter privatkapitalistischen Bedingungen die Wertgröße unbekannt ist, sich für sie niemand interessiert und der Wert nur nachträglich auf dem gleichgewichtigen Markt festgestellt werden kann – sind Angebot und Nachfrage ungleich, weichen die Marktpreise vom Wert ab –, ändert daran nichts. Wollte jemand versuchen, den Wert vorher zu bestimmen: privates Eigentum, daraus ent-
    springende Interessenkonflikte, das Fehlen zentraler Rechen- und Koordinierungsstellen, begrenzte rechentechnische Speicher- und Verarbeitungskapazitäten und daraus resultierende Schwierigkeiten der Gewinnung und Verarbeitung von Informationen verhinderten es. Die Wertmessung scheitert an praktischen Hürden. Dies beweist nicht, dass Wert grundsätzlich nicht gemessen werden könnte. Die Methodik ist bekannt und die technischen Möglichkeiten dafür sind im Zeitalter moderner Kommunikation besser als je zuvor.
    Die Frage ist nicht, ob, sondern wie abstrakte Arbeit und Wert zu messen sind. Zur Beantwortung dieser Frage knüpfen wir an Hinweisen an, die Marx gab. Erstens ist, wie bereits gesagt, gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit jene, die unter der normalen, d.h. der dominierenden Produktivität und dem gesellschaftlichen Durchschnittsgrad von Geschick und Intensität der Arbeit anfällt (MEW 23: 53), genauer jene, die zur Reproduktion der Ware erforderlich ist, wovon hier abgesehen wird. (MEW 25: 150) Zweitens müsse der Wert und dessen Größe aus der Sicht des Gesamtsystems abgeleitet werden. Die Bedürfnisse der Menschen und technisch-organisatorische Beziehungen zwischen den Zweigen und Arten der Güterproduktion erzwingen unabhängig davon, ob und wem dies bewußt ist, eine proportionale Verteilung der Gesamtarbeitszeit. Der Wert hat
    mit der Proportionalität einer Volkswirtschaft zu tun. „Es ist in der That das Gesetz des Werths, wie es sich geltend macht, nicht in Bezug auf die einzelnen Waaren oder Artikel, sondern auf die jedesmaligen Gesammtprodukte der besondren, durch die Theilung der Arbeit verselbständigten gesellschaftlichen Produktionssphären, so daß nicht nur auf jede einzelne Waare nur die nothwen-
    dige Arbeitszeit verwandt ist, sondern daß von der gesellschaftlichen Gesammtarbeitszeit nur das nöthige proportionelle Quantum in den verschiednen Gruppen verwandt ist. Denn Bedingung bleibt der Gebrauchswerth.“ (MEGA II/15: 623; MEW 25: 648) „Das Ganze verkauft sich daher nur, als ob es in der nothwendigen Proportion producirt wäre.“ (MEGA II/15: 624; MEW 25: 649)
    Wer Werte begründen will, muß Proportionen begründen. Diesen Gedanken äußert Marx auch im ersten Band des „Kapital“ (MEW 23: 89).
    Eine Ware entsteht, indem Arbeitskräfte in einer bestimmten Arbeitszeit mit Hilfe von Arbeitsmitteln – Maschinen, Anlagen, Werkzeuge usw. – Arbeitsgegenstände (Rohstoffe, Hilfsstoffe, Betriebsstoffe) ver- bzw. bearbeiten. Bei der Bestimmung der Wertgröße beachten wir, dass der zu bearbeitende Gegenstand bis zum Finalerzeugnis mehrere Stufen der Produktion durchläuft. Zur Herstellung der benötigten Arbeitsmittel (AM) und der Arbeitsgegenstände (AG) ist
    Arbeit oder Arbeitszeit erforderlich. „Der Werth der Waare ist bestimmt durch die Gesammt-Arbeitszeit, vergangne und lebendige, die in sie eingeht“ (MEGA II/15: 257; MEW 25: 271). Direkte und indirekte Arbeitszeit ergeben zusammen die volle Arbeitszeit pro Produkt. Werden die „normalen“ Produktionsbedingungen zugrunde gelegt, entspricht diese der Wertgröße. An anderer Stelle habe ich gezeigt, wie mit Hilfe eines Gleichungssystems diese Größe prinzipiell ermittelt werden kann, vorausgesetzt, die dazu benötigten Informationen sind bekannt und ihre riesige Zahl kann rechentechnisch bewältigt werden (Müller 2015: 64-72; Müller 2014: 215-230). Dieses Modell beruht auf physischen Produktionsbeziehungen, beschränkt sich aber nicht wie Ricardos Korn- und Sraffas Gebrauchswertmodelle darauf, sondern unterstellt, dass die gesellschaftlichen Produktivitäten bei der Herstellung der einzelnen Waren bekannt sind. Bekannt ist also nicht nur, um ein Beispiel zu nennen, wie viel Stoff und Arbeitszeit eine Näherin benötigt, um ein Kleid bestimmter Größe und Zuschnitts zu fertigen, sondern auch wie viel Arbeitzeit benötigt wird, um den für das Kleid benötigten Stoff und die Nähmaschine herzustellen. Wir nehmen an, dass diese
    Angaben für alle Produkte bekannt sind. Mit Hilfe eines Gleichungssystems können wir die vollen Arbeitszeitquanta bestimmen, die jeweils in einer Einheit aller Arbeitsmittel, Arbeitsgegenstände und Konsumtionsmittel enthalten sind.

    Diese vollen Arbeitskoeffizienten entsprechen der Wertgröße. Diese ist gleich dem Reziprokum der Arbeitsproduktivität (AP): Arbeitskoeffizient = Wertgröße = Volle Arbeitszeitmenge/Ausbringungsmenge = 1/AP. Dies gilt selbstverständlich auch für eine Warenproduktion unter sozialistischen Bedingungen. Selbst wenn Produkte nicht als Waren produziert werden, somit kein Wert existiert, blieben Arbeitsproduktivität und ihr Reziprokum wichtige Steuerungsgrößen.

    Klaus Müller erkennt folgende Argumente gegen eine Meßbarkeit des Wertes:

    Abstrakte Arbeit sei keine gegenständliche arbeitsausübende Tätigkeit, sondern eine gesellschaftliche Kategorie, „etwas Immaterielles“.
    Abstrakte Arbeit sei ein gesellschaftliches Verhältnis und ein solches Verhältnis könne nicht verausgabt werden. (Heinrich 2006: 218) „Abstrakte Arbeit ist keine Sorte Arbeit, die man verausgaben oder mit der man etwas messen“ könne.
    Man könne immer nur die konkrete Arbeit messen. Reitter sagt, eine Messung abstrakter Arbeit könne es nicht geben, weil „die tatsächlich geleistete Arbeitszeit und die wertbestimmende Arbeitszeit theoretisch wie praktisch niemals übereinstimmen“ (könnten). „
    Bei der abstrakten Arbeit wird nicht nur vom konkreten Inhalt, sondern auch von der Zeitdauer abstrahiert. Also, eine Stunde Schneiderarbeit ergibt keineswegs eine Stunde Verausgabung von Muskel, Nerv und Gehirn, sondern eine unbestimmte Zeitdauer, die niemand, weder vor, während, noch nach der Produktion ausrechnen oder bestimmen kann.

    Dem hält Klaus Müller zum Beleg der Meßbarkeit abstrakter Arbeit entgegen:

    Erstens stimmt das [Reitter] nicht. Die Übereinstimmung liegt vor, wenn die individuelle Arbeit unter den „gesellschaftlich normalen Bedingungen“ geleistet wird. Das mag Zufall sein, aber darauf kommt es nicht an, denn
    zweitens ist die übliche Nichtidentität von individueller und gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit kein Beweis, dass die letzte prinzipiell nicht gemessen werden könnte. Warum sollte die individuelle Arbeitszeit des einzelnen Produzenten, nicht aber die gesellschaftlich notwendige gemessen werden können? Welche Arbeitszeit ist gesellschaftlich notwendig und wie kommt es zu Abweichungen zwischen ihr und den individuellen Arbeitszeiten?Unter privatkapitalistischen Eigentumsverhältnissen kann sich die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit erst nachträglich im Austausch zeigen. Dies hat zu zwei prinzipiellen Fehlschlüssen geführt: 1. Der Wert entstehe erst im Austausch. 2. Er sei nicht messbar. Ihn „auszurechnen … ist ein Rechenkunststück, dass immer nur der Rechenmeister Markt vollbringen kann. Es gibt keine andere Methode, den richtigen, d.h. der Gleichgewichtslage entsprechenden Preis …zu bestimmen als die marktwirtschaftliche; wir können diese Größen nicht irgendwie mathematisch-statistisch im voraus berechnen, sondern nur hinterher konstatieren, nachdem der „Markt“ seine Schuldigkeit getan hat“ (Röpke 1944: 59). Für den Kapitalismus ist das richtig, sollte uns aber nicht davon abhalten, die Frage grundsätzlicher zu stellen.
    Der Marxsche Wertbegriff besitzt vier Elemente:
    Der Wert ist erstens ein Produktionsverhältnis, das die privaten Warenproduzenten in der arbeitsteiligen Produktion (nicht erst im Austausch!) objektiv eingehen.
    Seine Substanz (Qualität) ist zweitens die abstrakte Arbeit,
    sein Maß (Quantität) drittens die Menge an dieser Substanz, die gesellschaftlich notwendige abstrakte Arbeit.
    Gemessen wird diese in Zeit, kurz: gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit. Über ihre Größe wird in der Produktion entschieden.

    Letzte Einwürfe + Fragen:

    Zu Erstens: Nach dieser Logik sind Uhren, die stehengeblieben sind, denen, die 1 Min/Tag vor- oder nachgehen, vorzuziehen, da sie 2 mal am Tag die richtige Zeit anzeigen, die anderen jedoch nicht.
    Zu Zweitens: Die Nichtidentität ist aber auch umgekehrt kein Beweis der Meßbarkeit. Mit dem Röpke-Zitat ist zur hier anstehenden Frage gar nichts gesagt, denn dieser spricht vom Preis, der hier nicht zur Diskussion steht. Setzt hier Müller Wert = Preis?
    „Für den Kapitalismus ist das richtig, sollte uns aber nicht davon abhalten, die Frage grundsätzlicher zu stellen.“ Sucht Klaus Müller nach einer Wertbestimmung, die allgemein, aber nicht für den Kapitalismus gilt? Eine Begründung, warum der Wert meßbar sein sollte, ist hier nicht zu finden, nur die Behauptung mit Hilfe der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit, mit der er die Wertfrage umgeht. Versteht er den Wert nicht der Form nach, die die Arbeit als Substanz des Wertes annimmt, sondern nur als Wertgröße? Darauf deutet sein Satz „Die Frage ist nicht, ob, sondern wie abstrakte Arbeit und Wert zu messen sind.“ hin. Es ist wohl äußerst notwendig, zuerst die Frage, ob Wert meßbar sei, zu stellen. Erst den Bären erlegen! Zunächst reicht es zu fragen, welchen Wert er ermitteln will, zu welchem Zeitpunkt. Denn dieser ist ja nie fix, immer in Bewegung und von unzähligen Faktoren ständig unter Beschuß. Wozu soll das eigentlich gut sein?
    Klaus Müller entwickelt auf Grundlage seiner Meßbarkeitsthese ein eigenes „Kornmodell“ (Müller 2015: 64-72; Müller 2014: 215-230), das vielleicht später mathematisch zu untersuchen ist.
    Mit den hier aufgeworfenen Standpunkten + Fragen sollte die Grundlage einer Diskussion gegeben sein.

  2. Abstrakte Arbeit – nicht messbar, aber verhandelbar

    Der hier (https://www.wirtschaftstheorie-forum.de/wom/?p=11#comment-369) wiedergegebene Disput über Wesen und Messbarkeit der abstrakten Arbeit als Wert bildendes Moment der Produktion von Waren hätte vor mehr als 50 Jahren an der Wiwi-Fak der Humboldt-Universität Berlin geführt worden sein können. Im Zusammenhang mit den ökonomischen Reformplänen der Ulbricht-Administration im Rahmen der Theorie einer „sozialistischen Warenproduktion“ sollte erforscht werden, wie die abstrakte Arbeit gemessen und erfasst werden kann, um sie zur Grundlage einer leistungsgerechten und leistungsstimulierenden Entlohnung sowie volkswirtschaftlich effektiverer Preisbildung unter den Bedingungen eines sozialistischen Planungssystems zu machen. Ich selbst stellte als Wissenschaftlicher Assistent arbeitswissenschaftliche Untersuchungen im Lausitzer Braunkohlenrevier an. Dabei kam ich zu dem Ergebnis, dass die „Verausgabung von Hirn, Muskel und Nerv“ als Leistung von abstrakter gesellschaftlicher Arbeit nicht messbar ist und auch nicht Grundlage oder Kriterium der tatsächlichen Entlohnung der Kohlekumpel war. Auch das Tarifsystem spielte nur eine formale, untergeordnete Rolle. Entscheidend war, so stellte ich fest: Die realen, gezahlten Löhne und Gehälter mussten so hoch und so gestaffelt sein (bzw. waren es), dass die Werktätigen materiell an der Verrichtung ihrer konkreten Arbeitsaufgabe unter diesen bestimmten, notwendigen Arbeitsbedingungen interessiert waren. Zum Beispiel wurden sogar Meister – der schlechteren Vergütung von Meistern gegenüber sogenannten Häuern wegen – in den betrieblichen Unterlagen nicht als Meister, sondern als Häuer geführt. Und ich zog daraus die Schlussfolgerung, dass die materielle Interessiertheit der Werktätigen das entscheidende Kriterium leistungsgerechter Entlohnung ist und die Herausbildung eines dementsprechenden Lohnsystems einen im Wesentlichen spontanen, nicht a priori berechneten Prozess darstellt. Nicht eine berechnete Leistung (Verausgabung von Hirn, Muskel und Nerv) bestimmt den Lohn, sondern der volkswirtschaftlich sinnvoll stimulierende Lohn drückt die Leistung, das geschaffene Wertprodukt des Werktätigen aus.

    Stehen diese Schlussfolgerungen im Widerspruch zu den Erkenntnissen von Karl Marx? Zunächst natürlich nicht, denn seine ganze Analyse betrifft eine auf Privateigentum und spontaner Regulierung beruhende Produktionsweise. Diese Umstände erfordern ja gerade, dass sich das ganz allgemeine, von Marx formulierte „Gesetz der Ökonomie der Zeit“ in der bürgerlichen Gesellschaft über das Wertgesetz durchsetzt und dass im Warenaustausch der Wert als in der Ware vergegenständlichte abstrakte Arbeit im Gebrauchswert des Äquivalents erscheint.
    Unter realsozialistischen Bedingungen war das nicht der Fall – ganz im Einklang mit Marx‘ Vorstellungen von der „neuen Gesellschaft“. Der prognostizierte in seiner „Kritik des Gothaer Programms“, in dieser auf der Basis von Gemeineigentum an den Produktionsmitteln nach einem gesellschaftlichen Plan wirtschaftenden, neuen Gesellschaft würde der einzelne Produzent von der Gesellschaft einen Schein bekommen, dass er soundso viel Arbeit geleistet hat. Damit könnten aus dem gesellschaftlichen Vorrat so viel Produkte bezogen werden wie gleich viel Arbeit kosten. Hier unterscheidet Marx nicht zwischen konkreter und abstrakter, hier ist konkrete gleich abstrakter Arbeit gedacht. Sie ist von vornherein, vom Plan her, als Teil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit anerkannt. Dies war sie im Realsozialismus zwar auch, doch sie musste der bestehenden Unterschiede und der notwendigen materiellen Stimulierung wegen auf abstrakte, gesellschaftliche Durchschnittsarbeit, reduziert werden. Letzteres war für Marx nicht vorhersehbar. Die Reduktion vollzog sich aber nicht – wie in der Marxschen Analyse des Warenaustauschs dargestellt – nach der Produktion auf dem Warenmarkt, sondern vor Beginn der Produktion im realen Lohnvereinbarungsprozess.

    Was aber war der Arbeitslohn im Realsozialismus seinem Wesen nach? War er – wie es der formalen Ähnlichkeiten wegen scheinen könnte – wie in der kapitalistischen Welt Wertäquivalent bzw. Preis der Ware Arbeitskraft? Dann hätte der Werktätige seine Arbeitskraft verkaufen gemusst haben. In solchem Fall: an wen aber? An „die Gesellschaft“, deren Mitglied, deren Teil er selber war? Nein, der Lohn im Realsozialismus war eine Bescheinigung über Arbeit, die für die Gesellschaft geleistet wurde entsprechend dem „Gesetz der Verteilung nach der Leistung“ (Leistungsprinzip), und entsprach insofern den Erwartungen von Karl Marx. Doch das Maß war nicht die Zeit der Verausgabung von konkreter Arbeit, sondern die Menge geleisteter abstrakter Arbeit, wobei die Reduktion konkreter auf gesellschaftlich durchschnittliche, abstrakte Arbeit nicht auf Messungen oder Berechnungen beruhte, sondern durch vertragliche Vereinbarungen im Rahmen gesetzlicher Bestimmungen, Vorschriften und Tarifsysteme zustande kam.
    Und heute? Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts ist die hier geführte Diskussion über die Interpretation des von Marx entwickelten Wertbegriffs insofern gegenstandslos, als sich die von Marx analysierten gesellschaftlichen Bedingungen grundlegend verändert haben, gar nicht mehr existieren. Denn was Lenin vor genau hundert Jahren mit einem revolutionären Akt gezielt initiierte – die Vergesellschaftung des Eigentums an Produktionsmitteln und der Produktion -, das vollzog sich in der westlichen Welt im Verlauf von gut einem halben Jahrhundert – und auch wesentlich durch den im Osten existierenden Sozialismus beeinflusst – als spontaner Prozess der Selbsttransformation schleichend, bis heute so gut wie nicht bemerkt beziehungsweise nicht verstanden hinter dem Rücken der Gesellschaft. Produktion, Verteilung und Austausch des gesellschaftlichen Reichtums, einschließlich der damit verbundenen Risiken, haben die Grenzen des Privaten weit überschritten. Das zentrale Element in diesem gesellschaftlichen Prozess des Wirtschaftens, das Geld, hat seinen privaten Charakter mit der Aufhebung des Goldstandards durch die Kündigung des Abkommens von Bretton Woods im Jahre 1971 endgültig verloren. Denn seitdem ist es nichts weiter als ein Arbeitszertifikat, eine Bescheinigung der Gesellschaft für geleistete gesellschaftliche Arbeit und entsprechenden Anspruch auf Teilhabe am Reichtum der Gesellschaft. Es bescheinigt bzw. ist Information über Anspruch auf Produkte beliebiger konkreter Arbeit der Gesellschaft im Maß der abstrakten Arbeit (dargestellt im Geld beziehungsweise im Preis der Ware). Direkt gemessen wird diese abstrakte Arbeit nicht. Sie wird vereinbart und mittels (von Notenbanken kreierten) Währungseinheiten wie Dollar oder Euro ausgedrückt im Preis (als Lohn, Vergütung) der lebendigen konkreten Arbeit, deren Maß die Zeit ihrer Verausgabung ist. Es handelt sich um einen Prozess der sozialen Auseinandersetzung, der weitgehend spontan, wenn auch nicht unorganisiert abläuft.
    Wir sehen: Der Westen kam 1971 unwissentlich da an, wo der Osten 1917 bewusst begonnen hatte. Doch der Westen bewahrte immer die unternehmerische Eigenverantwortung und gewährleistete so die ihm eigene hohe Flexibilität in der Wirtschaft. Um diese ging es dann später bei den Reformen des Realsozialismus, die allgemein als dessen Zusammenbruch wahrgenommen, besser: missverstanden wurden.

    Und worin besteht heute das Problem? Es besteht vor allem darin, dass in dieser neuen, heutigen Gesellschaft, in der das Geld nur noch eine Information darstellt, der Umgang mit diesem Medium einer gesellschaftlichen Regelung (und Kontrolle) bedarf. Während die unternehmerische Eigenverantwortung im gesellschaftlichen Reproduktionsprozess in dessen sachlichen Strukturen und Aspekten bereits einer weitest gehenden Regulierung und Kontrolle durch Gesetze, Vorschriften und Bestimmungen unterliegt, ist die Freiheit im Umgang mit dem Geld, diesem ganz allgemeinen, abstrakten Inbegriff von Reichtum, der in seiner Abstraktheit keinerlei Lebensgrundlage mehr darstellt, fast grenzenlos. In diesem Widerspruch liegen die Wurzeln des seit dem Ende des 20. Jahrhunderts zu beobachtenden, geradezu von Erscheinungen des Wahnsinns geprägten ökonomischen, ökologischen und sozialen Desasters der Weltgesellschaft.
    Worauf kommt es also an? Zu allererst auf die Gewährleistung eines Primats der Politik über die Ökonomie! Denn die notwendige, sicherlich schrittweise Einschränkung der Freiheit im Umgang mit dem Geld und den Finanzen im weitesten Sinne – und seien diese Eingrenzungen noch so gering – wird immer ein politischer, gesetzgeberischer Akt sein. Dafür gilt es parlamentarische Mehrheiten zu organisieren.
    (Siehe auch: H. Hummel, Als das Ende des Kapitalismus begann –
    https://sites.google.com/site/heerkehummel/artikel/als-das-ende-des-kapitalismus-begann)

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