Diskussionsstart

Das Scheitern der Gesellschaften des „Realsozialismus” hat dazu geführt, dass in Theorie und Praxis eine Auflösung der kapitalistischen Warenproduktion für nicht mehr realisierbar gehalten wird, zumindest nicht in absehbarer Zukunft…

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2 Responses to Diskussionsstart

  1. Werner Richter sagt:

    Dem Buch von Harbach kann man folgende Aussagen entnehmen, die m. E. eine widerspruchsfreie Wiederspiegelung „Marxens Kapital“ zum Wert in der Warenproduktionsgesellschaft, also auch heute, liefert:
    1. Gesellschaftliche Vermittlung als Selbstvermittlung des Wertes ist die Grundstruktur der kapitalistischen Warenproduktion. Die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse ist zweitrangig, erstrangig ist die Produktion von abstraktem gesellschaftlichem Reichtum, Selbstzweck der Produktion.
    In gesellschaftlicher Beziehung von zwei Waren gilt der Gebrauchswert der 2. Ware als Darstellungsform des Wertes der 1. Ware, unabhängig von der Funktion des Gebrauchswertes der 1. Ware als konkret nützliches Produkt. Die 1.Ware in Einheit von Wert + Gebrauchswert kann diese Wertgegenständlichkeit nicht in sich darstellen, sondern nur in Bezug auf die 2. Ware. Es entsteht eine Wertformbeziehung: die Naturalform der 2. Ware wird zur Wertform der 1. Ware. Das führt zur Verdoppelung der Form und zur allgemeinen Darstellung des Wertes aller Waren im Gebrauchswert der 2., gesellschaftlich ausgeschlossenen Ware und diese zum gesellschaftlich allgemeinen Äquivalent. Diese gesellschaftliche Beziehung ist eine gerichtete von relativer Wertform zur Äquivalentform. Erstere ist Aktivum und zweite ist Passivum. Die quantitative Bestimmtheit ist nicht in der Äquivalentform einer Ware eingeschlossen. Die Beziehung der Äquivalentform wird nur durch den Bezug auf sie hergestellt. Dieses Charakteristikum erscheint daher nicht als Resultat seiner Beziehung, sondern scheint ohne sein Zutun vorhanden. Die gesellschaftliche Vermittlung ist daher unsichtbar und nicht nachvollziehbar. Die Erzeugung des gesellschaftlichen Allgemeinen wird vom Menschen in einem naturinstinktiven Prozeß unbewußt vollzogen. “Quantitätstheoretiker” erwarten jedoch eine Materialisierung in Geld, der reale Vorgang ist dann jedoch längst abgeschlossen und nicht rekonstruierbar.
    2. Das Ergebnis dieses Prozesses jedoch ist unmittelbar spürbar, die Form der gesellschaftlichen Unmittelbarkeit, die dem gesellschaftlich allgemeinen Äquivalent zuwächst, führt zur Unterwerfung aller gesellschaftlichen Vorgänge unter diesen Wandlungsprozeß. Die Äquivalentform wird, dabei relativ inaktiv, in einem naturinstinktiv ablaufenden Prozeß zur gesellschaftlich allgemeinen Form “gemacht” und erlangt in der Warenproduktion eine verselbstständigte eigenständige Stellung, die in dieser spezifischen Gesellschaftsform zur “Naturbasis” der menschlichen Beziehungen wird.
    In der Form unmittelbarer Austauschbarkeit ist die allgemeine Ware ein gesellschaftlich unmittelbares Allgemeines, alle individuellen Waren sind in diese allgemeine Ware qualitativ umsetzbar und können ihre gesellschaftliche Notwendigkeit durch ihre Verwandlung nach Qualität und Quantität nachweisen können. Mit Geld als allgemeine Ware ist alles käuflich, es gibt keine gesellschaftlichen Schranken. Gesellschaftliche Form der Ware und Wertform oder Form der Austauschbarkeit sind ein und dasselbe. Ist die Naturalform einer Ware zugleich Wertform, besitzt sie die Form der Austauschbarkeit mit anderen Waren und damit unmittelbar gesellschaftliche Form. Die exklusive Stellung des gesellschaftlich allgemeinen Äquivalents (Geld) erbringt ihm das Dasein in unmittelbarer Form und die Rolle als zentrales gesellschaftliches Vermittlungsmedium und Oszillationszentrum. Geld als allgemeine Ware ist daher der “allgemeine materielle Repräsentant” des abstrakten Reichtums – Gott der Waren.
    Diese sachlich gegenständliche Gesellschaftsform stellt ein vermittelndes und vermitteltes Allgemeines dar, eine gesellschaftliche Beziehung zwischen Dingen, die eine gesellschaftliche Beziehung zwischen Menschen vermittelt, sachlich-gegenständlich als fossile Gesellschaftsstruktur existiert und eine eigene semantische Struktur entwickelt.
    Damit ist Geld das reale Gemeinwesen der bürgerlichen Gesellschaft, sofern es allgemeine Substanz für alle und zugleich gemeinschaftliches Produkt aller ist. Das Gemeinwesen ist im Geld bloße Abstraktion, äußerliche, zufällige Sache für den einzelnen und nur eine sachlich-gegenständliche Vermittlungsform, fossile Ersatzvermittlung für direkte menschliche Beziehungen.
    In der Warenproduktionsgesellschaft entsteht das gegenständlich vermittelte gesellschaftliche Allgemeine noch naturwüchsig im Austauschprozeß, da das Geld nicht Produkt der Reflexion oder Verabredung, wie in einer bedürfnisorientierten Produktion, ist. In dieser Gesellschaftsform hat der Mensch nachträglich per Gesellschaftsvertrag den naturinstinktiven Handlungsakt sanktioniert, um diesen Charakter zu kaschieren und den Status einer gesellschaftlichen Übereinkunft bewußt handelnder Individuen zu geben. Die Gesellschaftlichkeit soll als gemeinsames Willensresultat erscheinen, dem Glauben an den Menschen als der “Krone der Schöpfung” folgend. Somit ist es unmöglich, im Nachtrab oder auch vorher (Plan) die sich unsichtbar vollziehende Wertbildung im Warenproduktionsprozeß direkt quantitativ darzustellen, den Wert zu messen.
    Diese von Marx erschlossene “Geldchiffre” wird von der Wissenschaft gänzlich negiert, es gilt für sie die Illusion: Geld ist eine Übereinkunft der Gesellschaft, es als Tauschmittel zu verwenden. Das Geld wird aus seinen heraus Funktionen erklärt bzw. bestenfalls historisch deskriptiert. Weil die Geldform nur der an einer Ware festhaftende Reflex aller anderen Warenbeziehungen ist, erscheint das gesellschaftlich allgemeine Äquivalent Geld als willkürliches Reflexionsprodukt des Menschen, noch gefördert durch den Ersatz durch Zeichen seiner selbst. Die moderne mathematische Modellierung ist ein Versuch, trotz der objektiven Unmöglichkeit die Wertquantifizierung zu vollziehen, und erfaßt dennoch nur bestimmte Wertformen, nicht den Wertgehalt.
    3. Das Maß der Werte (Geld) hat in seiner wichtigsten Funktion nur ein virtuelles Dasein, die Krisen offenbaren diesen spekulativen, fiktiven und illusionären Zustand und führen regelmäßig in die Flucht aus den spekulativen (Finanz)-Verhältnissen in den Monetarismus. In der jüngsten Krise gibt es zum ersten Mal keine externen Fluchtpunkte, da durch die Globalisierung die ganze Welt im Weltmarkt einbezogen ist. Die Illusion G – G´, die fälschlich als realer abstrakter Reichtum angesehen wird, platzt, Kapital erweist sich als Fetisch und als reales Produktionsverhältnis.
    4. Geld ist das reale Gemeinwesen der bürgerlichen Gesellschaft, sofern es allgemeine Substanz für alle und zugleich gemeinschaftliches Produkt aller ist. Das Gemeinwesen ist im Geld bloße Abstraktion, äußerliche, zufällige Sache für den einzelnen und nur eine sachlich-gegenständliche Vermittlungsform, fossile Ersatzvermittlung für direkte menschliche Beziehungen.
    (Das unmittelbar Allgemeine dagegen ist eine direkte gesellschaftliche Beziehung zwischen Menschen, die eine nichtgegenständliche Vermittlungsstruktur hervorbringt. Es ist das der Produktion vorausgesetzte Allgemeine, ein von Menschen kooperativ gesetzter gesellschaftlicher Zusammenhang, durch den jede individuelle Arbeit a priori als allgemeiner Teil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit existiert und sich nicht nachträglich über eine sachliche Vermittlung als Teil des Allgemeinen bestätigen muß.)

  2. Verehrter mobiler Wolf, Ihnen gebührt der Dank zur Diskussionseröffnung und deshalb auch eine Antwort.
    Ihre Stellungnahme ist seeehr umfangreich, sodaß wir nur auszugsweise auf einige Argumente bzw. Kategorien eingehen können. Sehen Sie uns das bitte nach, denn die Diskussion soll sich nicht auf Rede und Antwort reduzieren, vieles spricht auch allein für sich und kann eventuell anderen Teilnehmern als Anknüpfungspunkt dienen.
    Zunächst zur von Ihnen aufgeworfenen Problematik der Golddeckung. Dieses Problem ist zwar in der Harbachschen These resümierend angeschnitten, aber ausführlicher ist es im Buch ab S. 83 dargestellt und der Autor bezeichnet die Darlegungen von Marx zum Thema allgemeines Äquivalent als ‚Marxsche Geldchiffre‘. Die Frage der Golddeckung kann demnach nur unter Bezugnahme auf die Rolle von Geld & Gold in der Warenwirtschaft beantwortet werden. Sie ist demnach zweitrangig. Man darf nicht außer Acht lassen, daß Geld und Gold nur eine notwendige Versachlichung der immateriellen Beziehungen, der Produktionsverhältnisse, darstellen und im Wesentlichen hauptsächlich eine imaginäre virtuelle Rolle in der Weltwirtschaft spielen. Diese Rolle wird auch nicht von den Veränderungen im Finanzkapitalismus abgeschafft. Wie Sie selbst erkennen, wirkt das Wertgesetz unabhängig von der Organisationsweise des Kapitals in allen Entwicklungsstufen der Warenwirtschaft. Ob, wie Sie es sagen, die Verletzung des Wertgesetzes die Ursache der Überschuldung ist, müßte erst noch bewiesen werden. Darüber lohnte es sich zu diskutieren.
    Zum iMarkt. Den findet man im Internet gar nicht klar definiert. Sagen wir mal, “i“ stände für „intelligent“. Es ist wohl mehr ein Hollywood-Märchen (Gecko), daß die Märkte intelligent geworden wären bzw. werden können. Gewiß gibt es Intelligenz auf den Märkten, die z.B. zur Verringerung von time-to-market gegen Null (jedoch nie darunter!) neueste Computertechnik (z.B. CERN) einsetzen, aber nach allen Beobachtungen bewegt sich die Masse der Börsenbewegungen dem hinterher hechelnd nach dem Prinzip der Hammelherde, also sau- oder besser: hammeldumm. All die Kapitalbewegungen sind im System des autonomen und autoregulativen Kapitalkreislaufes gefangen und nicht durch Intelligenz des Kapitalvertreters auszuhebeln, wie Sie selbst weiter unten einräumen („naturwüchsig unbewußter(n) Prozeß“). Wir sehen jedoch nicht, daß irgendeine „progressive Kraft“ zu finden sei, die eine Umwandlung der Gesellschaft politisch anschieben und durchsetzen könnte. Unsere Überzeugung ist, daß dies nur von unten nach oben aus der Entwicklung der Produktivkräfte und nur durch diese erfolgen kann, wobei den existierenden parteilichen Kräfte (z.B. Die Linke, Gewerkschaften, Genossenschaften) eine neue Rolle erwachsen und dabei auf jeglichen Machtanspruch gegenüber den die Produktion revolutionierenden Kräften verzichten müssen. Sie müssen die Rolle der Bestimmer und Wegevorschreiber ablegen und in eine neue Rolle der Zuhörer, Initiatoren, Begleiter, Protektoren hinein wachsen. Das ist ein völlig neuer Ansatz, der schon heute bei den so Geforderten entschiedenen Widerstand auslöst und eine Ursache dafür ist, daß sich Die Linke jeder wahrhaft alternativen Diskussion, auch dieser hier, verweigert. Wie und warum jedoch eine neue gesellschaftliche Form der Produktion entstehen kann und muß, ist allen, die sich Vorstellungen dazu machen, naturgemäß ein großes Rätsel. Das ist absolutes Neuland. Zu punktuellen Anfängen qualitativ neuer Produktions- und Lebensweisen durch unerträgliche Zuspitzung der systemischen Widersprüche geradezu erzwungen, z.B. in Katalonien und Rojava, gibt es bisher nur Analysen existentieller Bedingungen, etwa äußere Bedrohungen mit ihrer Bewältigung (https://www.heise.de/tp/features/Das-Modell-Rojava-3367894.html, http://www.kontext-tv.de/de/sendungen/david-graeber-von-occupy-wall-street-zur-revolution-rojava). Analysen innerer ökonomischer Beziehungen existieren nicht. Eine Arbeit, die sich mit dieser Problematik befaßt, ist die von Christian Siefkes „Beitragen statt tauschen“. Hier finden Sie einen Ansatz zu einer anderen Art der Güterproduktion und -verteilung mit gründlicher Plausibilitätsprüfung. Dazu wäre auch noch die Diskussion auf der Website http://www.theoriekultur.at/wiki?GesellschaftlicheAlternativenJenseitsVonMarktUndGeld zu empfehlen. Auf jeden Fall ist diese Problematik weiterer Diskussion wert.
    Ihre Überlegungen zur These 3 mit den Anmerkungen zu einem i-Markt sind u.E., auf das Wesentliche reduziert, auf Verbesserungen innerhalb des Warensystems beschränkt, eine neue Marktform soll reformieren. Alle Theorie von Marx jedoch läßt grundlegende Veränderung der Produktionsweise nur in Aufhebung von Ware, Wert, Kapital und Geld und Implementierung einer Nichtwarenproduktionsweise schlußfolgern. Nach dem, was unter iMarkt zu erkennen ist, handelt es sich hierbei um eine Marktform, die nur periphere Bedeutung erlangen und schon gar nicht die Haupt-(Monopol-)-Märkte ernsthaft in Frage stellen könnte, analog zu Regionalmärkten bzw. -währungen. Inwieweit Reformen auch dieser Art in Zwischenstufen einer Mixökonomie eine Rolle während des Übergangs zu qualitativ neuen Produktions- und Verteilungsweisen spielen können, steht auf einem anderen Blatt. Näheres hat Heinrich Harbach in seinem Beitrag auf der Konferenz der Masch Hamburg 2013 (Aufhebung des Kapitalismus – Die Ökonomie einer Übergangsgesellschaft“ ARGUMENT Verlag 2015 ab S. 144) ausgeführt. Hierin liegt gewiß ein weiterer Diskussionsansatz.
    In dem, was Sie zu Marxens Charakterisierung des „Kommunismus“, das Wort selbst ist eigentlich unwichtig, sondern der beschriebene oder besser: angedeutete Zustand einer (grund-)widerspruchsfreien Gesellschaft, klingt wie üblich die Auffassung des M/L nach, jemand (die Partei) muß die Macht an sich nehmen und den Kommunismus politisch durchsetzen. Das ist gelinde gesagt vorherrschender Vulgärmarxismus. Dabei werden sowohl die Marxschen Kategorien Arbeiterklasse als auch Partei gröblich nach Gusto umdefiniert. Ist dies geschehen, kann man sich auch in Seelenruhe auf das Manifest berufen. Die Ergebnisse sind bekannt. Marx hat nie eine solche Strategie vertreten. Marx wird man nur gänzlich gerecht, wenn man seine Analysemethode begreift und sie auf die jeweilige Situation, also ständig, anwendet. Deshalb kann nur die Entwicklung der Produktivkräfte und deren Anforderungen an die Produktionsverhältnisse Gegenstand auch der theoretischen Ökonomik sein. Die politischen Strategien werden hiervon bestimmt und nicht, wie bisher, umgekehrt.
    Zum Schluß sei Ihrer langen Reihe weiterer Anmerkungen gedankt, wir werden diese uns jedenfalls zur Brust nehmen.

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