These 3

Die Aktualität der Marxschen Werttheorie im 21. Jahrhundert. 3.Teil

3. Ist eine Gesellschaft ohne Wertformen möglich? 

Der griechische Philosoph Aristoteles hielt die Sklaverei für eine natürliche Form mensch-lichen Zusammenlebens. Das einige Menschen gleich und andere ungleich waren, war in dieser Gesellschaftsform auch für ihn selbstverständlich. Die Arbeit von Sklaven war wertmäßig nicht vergleichbar und er erkannte deshalb die Basis ihrer gesellschaftlichen Beziehung nicht. In einer Gesellschaftsform, in der die Ware nicht allgemeine und notwendige Form des menschlichen Arbeitsprodukts war und alle gesellschaftlichen Bereiche erfasst hatte, wie dies z. B. im Kapitalismus der Fall ist, war dies auch noch nicht notwendig.

Obwohl Produkte nicht als Waren und nicht für den Austausch hergestellt wurden, konnten sie, falls wirtschaftlich erforderlich, doch in eine Austauschbeziehung gebracht werden. Dies ist aber nur möglich, weil sie auch dann, wenn sie Ergebnisse ungleicher Arbeiten sind, doch als menschliche Arbeiten in eine (Wert) Beziehung gesetzt und vergleichbar gemacht werden können.

Wir leben jetzt in einer Gesellschaftsform, in der die meisten und die wichtigsten gesellschaftlichen Beziehungen die unser Leben, insbesondere unser Arbeitsleben dominieren, auf Formen wie Ware und Geld beruhen, die nicht von uns bestimmt und gestaltet werden, sondern die in ihrer verselbständigten Eigendynamik uns vorschreiben, was wir zu produzieren und wie wir es zu verteilen haben. Der übergroße Teil der Menschheit, auch in den Ländern die sich „sozialistisch“ nennen, hält dies für einen menschlichen und natürlichen Zustand und für unveränderlich.

Dass dieses kapitalistische Warenproduktionssystem mittlerweile an die Grenze seiner autoregulativen Funktionsfähigkeit gekommen ist, wird zwar partiell wahrgenommen, aber Auswege werden höchstens in regulierten oder gesteuerten Mischsystemen  von Markt- und Planwirtschaft gesucht – und bisher nicht gefunden. Eine Aufhebung und Abschaffung der Waren- und Geldformen und die Einführung von direkten Formen gesellschaftlicher Vermittlung wird nicht für möglich gehalten.

In der praktischen Politik kehrt man nach dem desaströsen Scheitern der neoliberalen Wirtschaftsentwicklung der Periode von 1974 bis 2008 wieder zu Mechanismen der Theorie von J. M. Keynes zurück, insbesondere wird eine Politik der „Nachhaltigkeit“ beschworen. Mit Nachhaltigkeit glauben Politiker und Wissenschaftler Stabilität und Planungssicherheit in die Entwicklung kapitalistischer Staaten zu bekommen. Aber Nachhaltigkeit kann in einem Wirtschaftssystem nicht funktionieren, welches auf Nachträglichkeit aufgebaut ist. Denn in Warenwirtschaftssystemen werden Güter erst produziert und dann nachträglich am Markt entschieden, ob für sie eine kauffähige Nachfrage vorhanden ist, sie also gesellschaftlich notwendig sind. Ihre gesellschaftliche Notwendigkeit resultiert nicht aus einem Bedürfnis, welches für einen Gebrauchswert besteht, sondern aus ihrer wertmäßigen Realisierung im Austausch.

Aber genau so wenig wie eine nachhaltige Politik die systemischen Strukturen des Kapitalismus verbessern kann, ist es auch fraglich, ob ein Mischsystem aus Markt- und Planungselementen, wie z. B. die „sozialistische Marktwirtschaft“ eine wirkliche gesellschaftliche Alternative darstellt. Denn ein naturwüchsiges System der Autoregulation und der Selbstorganisation wie der Kapitalismus, läßt sich weder einer zentralen Planung unterwerfen – siehe Realsozialismus – noch kann es wirklich geplant und gesteuert werden, wenn den Marktgesetzen für ihr Funktionieren freien Lauf gelassen werden muss. Werden diese zu stark eingeschränkt, dann scheitert gleich das ganze System.

Eine wirkliche alternative gesellschaftliche Entwicklung werden wir nur erreichen, wenn wir im mikroökonomischen Bereich autonome, auch selbstorganisatorisch aufgebaute Einheiten mit einander verbinden und in Zusammenhang stellen mit dem Formwandel, der den kapitalistischen Arbeitsprozess seit dem Ende des Fordismus einem stetigen Erneuer-ungsprozess unterwirft. Dieser Prozeß kann aber nur zu einer gesellschaftlichen Transformation führen, wenn es gelingt, die Gesellschaftsformen der Warenwirtschaft mikro- wie makroökonomisch zu ersetzen durch neue direkte Formen gesellschaftlicher Regulierung, Planung und Vermittlung.

Mit den Entwicklungen der digitalen Kommunikations- und Informationstheorie in den letzten Jahrzehnten sind die technischen Grundlagen geschaffen worden, um die naturwüchsige und selbstorganisatorische Netzwerktechnik der Wertformen zu ersetzen durch eine digitale Netzwerktechnik. Diese bietet den Menschen die Möglichkeit ihre gesellschaftlichen Beziehungen direkt und egalitär selbstbestimmt zu gestalten und durchzuführen und Teile der autonomen und selbstorganisatorischen Entwicklungen aus den warenwirtschaftlichen Systemen in neuartige Strukturen und Zusammenhänge zu über-führen. Die neuen digitalen Entwicklungen eröffnen jetzt schon innerhalb der Warenwirtschaft die Möglichkeit den Arbeitsprozess über work flow Systeme zu steuern, ihn direkt mit den (individuellen) Bedürfnissen zu kombinieren und Bedürfnisse und Verteilung über GPS und one-to-one Systeme zu verbinden. Dabei ist das Ethernet eine direkte und unmittelbare Plattform der egalitären und individuellen Teilhabe am Gesamtsystem. Auch wenn sicherlich noch Mechanismen der Delegierung und Zusammen-fassung von Entscheidungsprozessen gefunden werden müssen.

Der zentrale Punkt eines gesellschaftlichen Umbruchs ist eine Neuorganisation der gesellschaftlichen Arbeit. Dabei kann es nicht um eine harmonische Koexistenz gegensätzlicher Formen der gesellschaftlichen Arbeit gehen, sondern, zumindest für die Periode einer Übergangsgesellschaft, um die Kombination und Verbindung dieser antagonistischen Gesellschaftsformen mit der eindeutigen Perspektive, die alten Wertformen aufzulösen und die neuen, direkten Gesellschaftsformen auf- und auszubauen, um ihnen die Dominanz in einem alternativen und neu strukturierten Gesellschaftssystem zuzuweisen.

Solange wir weiterhin relativ unkontrolliert daran arbeiten den Berg an abstraktem Reichtum weiter aufzustocken und unermüdlich dabei sind diesen immensen Berg noch zu verzinsen, wird Spekulation das Hauptgeschäft dieses Produktionssystems im 21. Jahr-hundert bleiben und die nächste Krise ist unausweichlich. In der nächsten Krise sind aber nicht mehr die Mittel vorhanden um die gigantischen Löcher zu stopfen und die hohen Wellen zu glätten. Wir steuern dann auf eine „Zypernlösung“ zu – einen weltweiten Währungsschnitt. Vielleicht ist das sogar ein neuer Ansatzpunkt für alternative Lösungen – wir sollten v o r h e r darüber diskutieren.

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