These 2

Die Aktualität der Marxschen Werttheorie im 21. Jahrhundert. 2. Teil

2. Was genau ist Wert ? 

Dass der Wert als gesellschaftliche Beziehung sich an und durch ein sachlich gegenständ-liches Ding darstellen muß, wird gern mystifiziert als „Entfremdung“ oder „Verding-lichung“ umschrieben. Durch diese Begriffe wird aber meistens keine wissenschaftliche Klarheit geschaffen, sondern viel Verwirrung, die verhindert genau zu definieren, was Wert wirklich ist. Wenn man den Wert als gesellschaftliche Beziehung von menschlichen Arbeitsprodukten beschreibt, hat man die Widersprüchlichkeit dieser Beziehung benannt und gleichzeitig umrissen, dass er eine selbstständige gesellschaftliche Beziehung ist, die eine eigenständige Qualität beinhaltet, die auch in einer eigenständigen Form auftritt. Erst wenn man dies analysiert hat, kann man dazu übergehen, den Wert in seinen quantitativen Funktionen zu betrachten und darzustellen. Die allermeisten Wissenschaftler, die sich mit dem Wert befassen, sehen ihn nur als quantitative Relation von Gebrauchswerten und nur in seinen Bewertungs- und Meßfunktionen, sie können ihn nicht als eigenständige Gesellschaftsform erfassen. Genau in diesen Funktionen beherrschen die Wertform-strukturen aber unser Gesellschaftssystem.

Die meisten Wissenschaftler, Marxisten eingeschlossen, halten den Wert für eine naturge-gebene Maßeinheit, die in modernen Marktsystemen unersetzlich ist und nicht aufgelöst werden kann, es sei denn um den Preis der Einführung archaischer gesellschaftlicher Verhältnisse. Für diese Menschen ist die Wertform eine Naturform, die für immer mit modernen Gesellschaftssystemen als Marktsystem verbunden sein wird.

Dieser Mythos entsteht, weil etwas Immaterielles, eine gesellschaftliche Beziehung, sich in einer gegenständlichen Formbeziehung darstellen muss, um gesellschaftlich wirksam zu werden. Um als allgemeine Wertgestalt der Waren die gesellschaftlich zentrale und systemisch ausschlaggebende Rolle als Vermittlungsmedium wahrnehmen zu können, muss der Wert in seiner Geldgestalt als allgemeine Gesellschaftsform mit einer Naturform verschmelzen, die seine Funktionen adäquat erfüllt. Dieser Gegenstand war lange Zeit das Gold und ist es partiell heute noch, besonders in Krisenzeiten. Entscheidend für diesen Prozess ist aber nicht die Golddeckung selbst, sondern die staatliche Deckung und Bürgschaft für die Währung des Landes und seine Stabilität.

Egal in welchen Formen das Geld als gesellschaftlich allgemeines Äquivalent auftritt, entscheidend ist seine staatliche Absicherung, die EURO-Krise ist ein schlagendes Beispiel. In der Äquivalentform tritt die Mystifizierung der gesellschaftlichen Funktionen des Geldes deutlich zu Tage. Durch die Verschmelzung von Natur- und Gesellschaftsform wird der Schein erzeugt, als ob dem Geld seine gesellschaftlichen Funktionen von Natur oder Geburt aus zustünden, quasi „angewachsen“ seien, so als ob der Verstand auf Bäumen wächst..

Wer sich jedoch geistig darüber stehend wähnt und diese Naturformtheorie ablehnt, für den ist das Geld als gesellschaftlich allgemeines Äquivalent ein geistiger Schöpfungsakt, staatlich sankioniert und rechtlich abgesichert per Staatsdekret mit eigenem Ausführungs-organ, der Staatsbank. Es ist für die „Krone der Schöpfung“ sehr schwer, sich einzugestehen, dass wir unseren zentralen gesellschaftlichen Zusammenhang immer noch über einen naturwüchsig unbewußten Prozeß herstellen und den Vorgang des Abstiegs von den Bäumen gesellschaftlich immer noch nicht vollendet haben und immer noch auf der Suche nach einer menschlichen, selbstbestimmten und selbstgestalteten Gesellschaft sind.

Die Organisation und Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit und des gesellschaftlich  erzeugten Produkts geschieht in warenwirtschaftlichen Systemen nicht in gemein-schaftlicher Übereinkunft kooperativ verbundener Individuen, sondern in einem natur-wüchsigen und gesamtgesellschaftlich autoregulativen Prozess der Selbstorganisation. Das steuernde Element dieses Gesamtprozesses ist nicht der bewußt handelnde Mensch, sondern der verselbständigte Wert, der in seiner allgemeinen Form, dem Geld, zum Produktionsziel und Selbstzweck dieses Systems geworden ist. Nicht die Herstellung von Produktionsgütern zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse ist sein primäres Ziel, sondern die Vermehrung des Werts in seinen abstrakten, spekulativen und auch virtuellen Formen ist der Endzweck – Verwertung des Werts als unendlicher Progress, abstrakter Reichtum als Selbstzweck. Warenwirtschaftlich organisierte Gesellschaften sind daher Systeme der Autopoiesis.

Eine gesellschaftliche Vermittlung von Produktion und Verteilung muss und wird es in allen Gesellschaftsordnungen geben. Dass die wichtigsten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zusammenhänge der Menschen von sachlichen Formen, Wertformen, wie dem Geld z. B., also durch einen gegenständlichen Mechanismus eigendynamisch reguliert und nicht von ihnen selbst bestimmt und gesteuert werden, ist in unserer Gesellschaft eine weitgehend nicht hinterfragte Tatsache. Eine Welt ohne Geld ist für die meisten Menschen nicht vorstellbar.

Es ist für uns selbstverständlich, dass unser gesellschaftlicher Zusammenhang nicht von uns direkt gestaltet, reguliert und gesteuert wird, sondern in seinem objektiven gesellschaft-lichen Gesamtzusammenhang unserem Willen äußerlich ist, wir sind in diese Umstände geboren und aufgewachsen. Diejenigen, die befürchten, dass mit der Abschaffung und Auflösung der Wert- und Geldformen Chaos und Anarchie ausbrechen oder vorindustrielle Zustände wieder Einzug halten, wir dann zu archaischen Gesellschaftsformen der Naturalwirtschaft zurück kehren, verdrängen, dass wir immer noch unter der Herrschaft von archaischen, naturwüchsigen Gesellschaftsformen stehen, die unseren Lebens- und Arbeitsprozess dominieren und domestizieren. Und dies widersprüchliche Gesellschafts-formen sind, die auf der einen Seite einen immensen abstrakten Reichtum produzieren, der nicht zur Bedürfnisbefriedigung genutzt wird sondern darauf beruht, dass auf der anderen Seite Arbeitslosigkeit, Hunger und Elend herrscht.

Auch wenn im spekulativen Himmel der Finanzströme keine irdischen Regeln zu gelten scheinen; der Wert und seine Formen sind weiterhin die Basis und das regulierende Moment des Gesamtprozesses, jede Wirtschaftskrise zeigt das, wenn zu den realen und monetären Elementen zurückgekehrt wird und die (Wert)Vernichtung des abstrakten Reichtums in allen Formen gigantische Ausmaße annimmt. Es zeigt sich an dieser Stelle deutlich, dass nur die Auflösung der Wertformen eine wirkliche gesellschaftliche und menschliche Alternative darstellt.

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One Response to These 2

  1. Der Wert in der Diskussion oder was ist im Marxismus von Marx
    Eine etwas andere Rezension
    1. Aussagen des Autors zum Wert, bevor er sich diesem direkt zuwendet
    2. Definition zu Ware und Wert
    Es gibt genügend Anlaß, auch oder gerade wegen der Corona-Problematik, Artikel zur politischen Seite mahnen dazu, die weitere Arbeit wie durch uns zum Wert nicht beiseite zu schieben. Diese Artikel zeigen, daß die Pandemie nicht von der durch die Kapital- und Wertverhältnisse bedingte vorrangig ökonomische Gesellschaftskrise trennbar ist.
    Nachdem wir in einigen Beiträgen zur ökonomischen Theorie speziell zum Wert, dem Bewegungsgesetz des Kapitals, und dessen Definition hier abgeliefert haben, ist es jetzt angebracht, sich mit Neuerscheinungen zum Thema und zu dem relevanten Äußerungen zu beschäftigen, diese auch kritisch zu beleuchten.
    2019 erschien von Klaus Müller, einem ausgewiesenen Marxkenner und marxistischen Ökonomen mit Spezialgebiet Geld, „Auf Abwegen. Von der Kunst der Ökonomen, sich selbst zu täuschen“. Es gab dazu u.a. eine Besprechung in „Das Blättchen“¹, die jedoch ganz unwissenschaftlich, weil bar jeder kritischen Betrachtung, nicht allein stehen bleiben sollte. Dem Autor wird da eine „„authentische“ Marx’sche Lehre““ bescheinigt.
    Deshalb beschränken wir uns mit Müllers Darstellung des Wertes, nicht nur, weil wir darin unterwegs sind, sondern weil der Wert für jegliche ökonomische Theorie, sofern sie den Wert an sich nicht leugnet, die obligatorische Ausgangsbasis bildet. Aus der Art und Weise der Wertdefinition ergibt sich alle andere Theorie, Politik und Praxis, weshalb ihr grundlegende Bedeutung zukommt.
    Hiermit sei auch ein Beitrag „blätterübergreifender“ Fachdiskussion, die manche „Beiträge“ im Forum, für jeden Autor ein Ärgernis, auf Abstand hält, zur Disposition gestellt und vielleicht auch eine neue Form der Diskussion (Artikel zu/gegen Artikel) angestoßen.

    1. Aussagen des Autors zum Wert, bevor er sich diesem zuwendet
    Die Gliederung des Buches ist, wie oft bei Müller („Geld…“²), etwas anders. Das ist seinem Anliegen geschuldet, sowohl theoretisch fundiert als auch allgemeinverständlich darlegen zu wollen.
    Anstelle der Einleitung läßt er sich über „Trugbilder“ aus. Das Phänomen wird vielseitig erfaßt und auch in der „Ökonomik“ dargestellt. Breiter Raum nimmt dabei die subjektive Motivation der Kapitalisten/Reichen zur luxuriösen Lebensführung ein. Das ist ja nicht falsch, aber mit dieser Voranstellung nähert er sich einer Sichtweise auf den Kapitalismus, die „Gier“ als Haupttrieb von Kapital/Wertverwertung ausmacht. Er begibt sich, ob gewollt oder nicht, sozusagen auf subjektivistisches Glatteis. Als Ausgangspunkt für polit-ökonomische Betrachtungen ist dieser durchaus reale Umstand nicht geeignet.
    Das Problem der Wirtschaftswissenschaft (wie der anderen Gesellschaftswissenschaften) verortet er in der höheren Komplexität der Zusammenhänge als in anderen Wissenschaften und im Unvermögen vieler Ökonomen, diese zu erfassen, besonders die Rückkopplungen der dort handelnden Menschen auf die objektiven Zusammenhänge fallen ihm dabei ein. In diesem Zusammenhang benennt er Marxens Werk als das unerreicht beste in der Erfassung der Komplexität und den Bezug des Besonderen/Einzelnen auf das Allgemeine/Ganze. Die Komplexität gebietet im Unterschied zu den Naturwissenschaften, daß es in der Ökonomie unter Bezug auf das Allgemeine keine eindeutige Alternative (entweder/oder; wenn These richtig, dann Antithese falsch) und damit Formallogik geben kann, jedoch in der Betrachtung des Einzelnen.
    Zur Verwirrung komme hinzu, daß marxistische und nichtmarxistische Politische Ökonomie unterschiedliche Begriffe für ein und dasselbe haben und/oder mit gleichen Begriffen unterschiedliche Aussagen treffen. Das erschwert den Disput. Hauptargumente gegen Marxens aktueller Gültigkeit, „ unvollendet“ und „Weigerung, als Marxist bezeichnet zu werden“, werden vom Autor als mehr gequält gut zerpflückt, in den historischen Kontext eingeordnet.
    In diese Abhandlung bringt er seine Kritik an der „Neuen Marx-Lektüre“ (NML) ein. „Unter „Marxianern“ ist der Inhalt der Kategorien Geld, Kreditgeld, Ware, Wert, Marktwert, individueller Wert, abstrakte, produktive und unproduktive Arbeit, die Entwicklung der Profitrate und vieles andere umstritten“(S.18). Es kann Zufall sein, daß Müller dabei den Kategorien so ziemlich gleiche Bedeutung zumißt, oder auch logisch. Der Verdacht bietet sich an, die zentrale Stellung des Wertes nicht sehen zu wollen. Seine Kritik jedoch an der NML kann akzeptiert werden. Auch die gegenseitige Abqualifizierung zwischen West- und Ost-Marxianern trifft seine Kritik berechtigt, obwohl er überproportional den ersteren die Schuld dafür zuweist. Er beklagt dies als Hemmnis des Dialogs. „„Die „Neuen Marx-Lektüre“ behauptet, die „orthodoxen Dogmatiker“ hätten Marxens Lehre deformiert. Es ginge darum, zurückzukehren zu Marxens Texten.““(S.19) Ein eleganter Trick, der seine befestigte Stellung des „Marxismus“, („bestimmte Grunderkenntnisse sind nicht zu prüfen“, an anderer Stelle explizit geäußert) ausbauen soll. Er greift die NML-Linie frontal und ebenfalls akzeptabel an, um zugleich aber auch alle anderen Ökonomen, die Gleiches vertreten, zu diskreditieren und den „Marxismus“, bes. den „DDR-Marxismus“, wie er ihn auch vertritt, zu rechtfertigen. Dabei hilft ihm die NML-These, „„daß der „orthodoxe Marxismus“ „die Kernsätze der Werttheorie bis heute ignoriert und beschwiegen (habe)““. Müller subsumiert darin ohne direkte Erwähnung auch die Forderung nach „back to the roots“ (Das Kapital, Bd. I; Hobsbawms Credo) sowie die Primatsetzung und Interpretation „neuer“ Art Marxens Wertdefinition gemäß der Neuerscheinung „Das Kapital 1.1-1.5“ (bes. 1.5 Die Wertform) in Abhandlungen von Dieter Wolf ³ u.a. (siehe auch unsere Artikel zum Wert (4 – 8). Bei denen geht es nicht um eine Reihenfolge oder Auswahl von Kernsätzen der Werttheorie, sondern um die Marxsche Auffassung zum Wert, die neu nachempfunden und zur Diskussion gestellt wurde. Bisher jedoch, also seit 3 Jahren, wird diese von den Kapitalinterpreten ignoriert. Es scheint doch nicht so einfach, z.B. Wolf zu widerlegen, sonst wäre dies längst angegangen worden.
    Gegen die NML verteidigt Müller vorgeblich Marx, aber tatsächlich mehr den Marxismus, womit er auch den Widerspruch zwischen beiden leugnet, beide gleichsetzt.
    Inwieweit sich die Eingangsüberlegungen des Autors auswirken wird sich zeigen.

    Fortsetzung der Überlegungen und gleichzeitige Bestimmung des Ausgangspunktes seines ökonomietheoretischen Gebäudes
    An den Anfang des Teiles „I. Alles hängt von allem ab, 1. Volkswirtschaft“(S. 25 ff) setzt Müller eine Erläuterung des Begriffes Volkswirtschaft als System.
    Das ist einerseits logisch, denn er ist als Volkswirtschaftler unterwegs und die Volkswirtschaft (eigentlich auch ein fragwürdiger, weil auch propagandistischer Begriff) ist auch die Ebene, auf der die ökonomischen Gesetze real werden und zu vernehmen sind. Andererseits stellt sich die Frage, ob diese Betrachtungsebene einen wirklich tauglichen Ansatz zur Kapitalinterpretation liefern kann. Die Volkswirtschaftslehre [VWL], wie die Betriebswirtschaftslehre [BWL], setzt der ökonomisch-politischen Analyse natürliche Grenzen. Jede VWL bewegt sich innerhalb der Grenzen der jeweiligen Produktionsweise, ist in dieser verankert, soll und will dieser dienen, kann und will sie deshalb nicht kritisch analysieren und in Frage stellen.
    Als Volkswirt muß deshalb der Autor seine Abhandlungen, anders als Marx seine Analyse, beginnen. Marx beginnt seine Überlegungen bekanntlich, nicht nach Gusto, ganz bewußt mit der Analyse der einzelnen Ware, nicht mit der Struktur einer Volkswirtschaft wie Müller. Damit kommt Marx zu allgemeinen, auf alle ökonomischen Systeme zutreffenden Zusammenhängen und Gesetzmäßigkeiten. Er schaut quasi von außen auf die Ökonomie.
    Der Blick der Volkswirtschaft hingegen ist ein Blick aus dem Fenster. Wie schon der Autor richtig das Nichtkönnen der Betriebswirtschaft, die Zusammenhänge der Volkswirtschaft zu erfassen, konstatiert, läßt sich das auch über seine und die Volkswirtschaftslehre gegenüber der polit-ökonomischen Ebene sagen.
    Mit dieser Betrachtungsebene gerät der Autor wie der „Marxismus“ in Konflikt mit Marx. Zwar wird rhetorisch auch auf die Herleitung der Wertdefinition von Marx aus diesem Umstand verwiesen, die verwendete Definition ist jedoch anderen Ursprunges. Das soll noch gezeigt werden. Die Entstehung dieser anderen Definition beginnt mit der volkswirtschaftlichen Sichtweise. Hier bewahrheitet sich die Müllersche These (S.17), daß unter Ökonomen, auch unter denen, die sich auf Marx berufen, ein und derselbe Begriff oft einen anderen Inhalt hat. Er selbst nimmt dabei allerdings jegliche „Schuld“ daran alibihaft von sich, er meint nur die anderen.
    Das System Volkswirtschaft, das er recht plastisch darstellt, erkennt Müller als selbstorganisierendes aus Rückkopplung von Mikro- und Makroebene (S. 27). Aus seiner volkswirtschaftlichen Stellung heraus ergibt sich für ihn logisch als nächster Schritt die Fragestellung: „ Die Steuerung des Systems der Volkswirtschaft löst 3 Fragen: Was soll produziert werden? Auf welche Weise? Und für wen?“ (S.34). Am Beispiel Brot arbeitet er den Produktionsprozeß des „Unternehmens“ als einen der Bedürfnisbefriedigung dienenden ab. Soll das dem Marxschen Ansatz der Warenproduktion kongruent sein? In gleicher quasi wert- und waren-neutraler Manier bringt der Autor hier die Kategorien „Branchen“ und „Unternehmen“ ins Spiel, er beschreibt dabei diese ohne analytischen Tiefgang als offensichtliche Erscheinungen, aber als unerläßliche Bestandteile, ja wessen? Nach seiner bisherigen Verknüpfung kann man dann nur die Bedürfnisbefriedigung schlußfolgern. Warenproduktion mit dem Austausch über den Wert, Verwertung dessen als letztlich einzig wahrer Sinn jeglicher Warenproduktion spielen bis dahin bei Müller keine Rolle. Warenproduktion dient ja den Bedürfnissen, die Tür zu einer „Sozialistischen Marktwirtschaft“ muß schon offen bleiben.
    Als erste Aufgabe des „Unternehmens“ ist dem Autor ganz neutral eine organisatorisch technologische Rationalität, Ordnung muß sein (S.36 ff). Das dürfte sogar stimmen, wenn man die Warenproduktion abstrakt als absolute Notwendigkeit jeglicher menschlicher Produktion voraussetzt. Daraus ergibt sich für ihn die langfristige Gewinnmaximierung und Profitabilität, die hier auch wie die Venus Botticellis unschuldig aus dem Meer auftauchen (S.37).
    Dann kommen plötzlich auch noch aus dem Nichts die Begriffe „Ware“, „Preis“, u.a. ans Licht; alles zum Wohle der Bedürfnisse, wenn man Müllers bisherigen Abhandlungen folgt?
    In „2. Auslegungswissenschaft“ (S.46 ff) unter „Relativ“ faßt er auch ökonomische Erscheinungen, erklärt die Ökonomik zur Inkarnation der Relativitätstheorie, was er mit recht großem Aufwand in der ökonomischen Praxis erläutert. Die „Dualität des ökonomischen Prozesses“ schlösse die „Duplizität des ökonomischen Zeitbegriffs ein“. Dies wiederum impliziere, daß die natürliche (physikalische; „Kalenderarbeitszeit“) Zeit die Produktivkraftseite, das Verhältnis des Menschen zur Natur, ausdrückt. Sie sei das Maß der konkreten Arbeit, die Gebrauchswerte schafft. Dieser entgegen stehe die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit als „spezifische Zeit eines sozialen Bezugssystems“, die Produktionsverhältnisse ausdrückt. Die „gesellschaftlich(e) (notwendige?) Arbeitszeit“ sei … in „Dimensionen der natürlichen Arbeitszeit ausdrückbar, praktisch nur mit Hilfe des Geldes, und ist im Unterschied zur natürlichen eine spezifisch soziale Zeit, ist das ‚Zeitmaß der Produktionsverhältnisse‘ der Menschen oder ‚die gesellschaftliche Form der Kalenderarbeitszeit‘(‚‘: Zitat des Autors aus Afanassjew/Kanke 1987?)“. Die Relativität der Arbeitszeit bewirke, daß eine Menge individueller Arbeitszeit einer Qualität einer ungleichen individuellen Arbeitszeit einer anderen Qualität entsprechen könne und die individuelle Arbeitszeit nicht der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit entspreche. Wer oder was ermächtigt Müller, die „gesellschaftlich(e) (notwendige?) Arbeitszeit“ so direkt mit „der natürlichen Arbeitszeit“ zu verknüpfen und erste mit der zweiten mittels Geld messen zu dürfen? Marx bestimmt nicht. Hierin besteht also der Müllersche Trick. Es folgt unmittelbar die Aussage: „Nur die abstrakte, gesellschaftliche Arbeit bildet Wert“. Das ist eine verblüffend schematische, holzschnitthafte und grobe Herstellung des Zusammenhanges aus Müĺlerscher Ableitung von gesellschaftlicher und natürlicher Arbeitszeit mit Messung dieser Arbeitszeit mittels Geld. Gott sei dank, ist man geneigt zu sagen, ist ja dann schon des Geld vor der Warenwirtschaft vorhanden, sonst könnte dieser „Wert“ (nur im Sinne bürgerlicher VWL vorhanden, vom Autor a. a. Stelle zurückgewiesen, aber hier doch noch benötigt) ja gar nicht gemessen werden. Existierte denn Geld bereits vor der Ware?

    Hiermit ist eine erste Aussage zur Herleitung seiner Wertdefinition gemacht. Der Wert ist demnach das Ergebnis der Relativität von individueller und gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit. Das reicht dem Autor, um die Venus Wert in seine Welt zu setzen und ermöglicht ihm, sogleich die Wertgröße als Konsequenz aus ungleicher individueller Arbeitszeit, die zugleich gleiche gesellschaftliche Arbeit darstellt, als angeblich Marxsches Hauptanalyseobjekt in Front zu bringen. Zusammen mit seiner verschleiernden These vorab, die „gesellschaftlich(e) (notwendige?) Arbeitszeit“ sei … mit Hilfe des Geldes“ zu messen, verortet er sich in einer Wertdefinition, die man als Wertgrößenanalyse bezeichnen kann. Dabei hilft auch sein unverbindliches Amen, er folge (auch) der Marxschen Wertformanalyse, wie er S. 18 glaubhaft machen will, nichts. Diese Erwähnung ist wohl dem Vorwurf geschuldet, der „Marxismus“ und er auch betreiben Wertgrößenanalyse anstatt wie Marx Wertformanalyse, dem er so, wenn auch recht müde, entgegnen möchte. Dabei offenbart er sich aber selbst. Er stellt dort Doppelcharakter der Ware und der warenproduzierenden Arbeit, Wertformanalyse, Wert- und Geldtheorie gleichrangig nebeneinander und nimmt von allem ein bißchen. Marx jedoch gestaltete fast durchgängig alle ökonomische Theorie als Wertformanalyse, die somit übergeordnete methodische Bedeutung erhält. Doppelcharakter der Ware und der warenproduzierenden Arbeit, Wert- und Geldtheorie sind Bestandteile seiner Wertformanalyse. Da Müller, sich nicht an die bereits 2017 diesbezüglich nachzulesenden Veröffentlichungen (Das Kapital 1.1-1.5; Dieter Wolf, DE GRUYTER: Von den allgemeinen Eigenschaften, Arbeitsprodukt und abstrakt menschliche Arbeit zu sein, zum Wert und zum „Doppelcharakter der Arbeit“ ³) wagt, denn dies widerlegt die „marxistische“ Wertdefinition als nicht von Marx ableitbar, versucht er es eben mit Ausweichen und Diffamierung aller „Marxismus“kritischen und auch seine Auffassungen kritisierenden Stimmen mittels Zuordnung dieser unter NML und Verschleierung seiner und des „Marxismus“ zugrundeliegenden Betrachtung des Wertes vorrangig als Wertgröße. Dabei übersieht Müller geflissentlich, daß der Vorwurf an ihn und den „Marxismus“, man betreibe Wertgrößenanalyse anstatt wie Marx Wertformanalyse, gar nicht von der NML stammt, was ihn aber nicht weiter stört.
    Weiter im Text präsentiert der Autor eine zweite Aussage zu seiner Wertdefinition.
    Aus der Dualität des ökonomischen Zeitbegriffs entwickelt er zwei Formen der Arbeit, die konkrete und die abstrakte (S.53). Der Produzent arbeitet demnach stereo, schafft Gebrauchswert und Wert gleichzeitig, pflanzt dem Gebrauchswert den Wert ein, der dann möglicherweise auf dem Markt aktiviert wird.
    Das ist zunächst, ein berechtigter Vorwurf auch von nichtmarxistischer Ökonomik, die voluntaristische Schaffung eines realen Verhältnisses aus einem Begriff, ein ideelles Konstrukt. Zum anderen findet man bei Marx diese Duplizität nicht, sie ist in sein „Kapital“ hinein interpretiert.
    Marx kannte nur eine Art von Arbeit, die Gebrauchswerte schafft. die konkret nützlichen Arbeiten. Eine zweite, die sog. abstrakt menschliche Arbeit, neben der konkreten gab es für ihn nicht. Genau dies ist das Anliegen der bereits erwähnten Arbeit von Dieter Wolf ³. Allerdings stellte Marx fest, daß die durch konkret nützlichen Arbeiten geschaffenen Gebrauchswerte die transhistorische, allgemeine Eigenschaft, Arbeitsprodukt und abstrakt menschliche Arbeit zu sein, aufweisen. Diese transhistorische Eigenschaft haben die Produkte in allen menschlichen Produktionsweisen, nicht nur in den Formen der Warenproduktion. Man nennt diese Eigenschaft auch den „Doppelcharakter der menschlichen Arbeit“ (siehe auch Wolf ³ und Neuauflage Das Kapital 1.1-1.5), den Müller, wie auch der „Marxismus“, a.a.O. plakativ anerkennt, aber in diesem Zusammenhang nicht anwendet. Der Ansatzpunkt von Wolf ist ein völlig anderer und führt zu anderen Schlußfolgerungen einschließlich Strategie. Während Marx, siehe Wolf und Neuauflage Das Kapital 1.1-1.5 , den Wert der einzelnen Ware als Resultat der äußeren Produktionsverhältnisse in aller Warenproduktion erkennt, ist der Wert dem „Marxismus“ wie Müller ein Produkt der Relativität der Zeit, die zwei Arten von Arbeit bewirkt.
    Nach Marx ist es die Trennung von Produktion und Realisierung der Ware über den Umweg Markt, die den Wert mittels Vergleiches der Produkte als Waren auf einem Markt erst notwendig macht. Gäbe es diese Trennung nicht, gäbe es auch keinen Wert. Die immer vorhandene allgemeine Eigenschaft der menschlichen Arbeit, sowohl Gebrauchswerte zu schaffen als auch abstrakt menschliche Arbeit zu sein, führt nur unter den Bedingungen der Warenproduktion zur Ausbildung des Wertes. Dabei wird der Wert im komplexen Gesamtprozeß das entscheidende Produktionsverhältnis. D.h., der Wert wird in der Produktion erzeugt, jedoch erst im Austausch sichtbar und realisiert. Das ist keine Theorie, die den Wert im Austausch entstehen läßt, wie es Müller zu diskreditieren versucht, sondern eine Theorie, die in der speziellen historischen Verbindung von Produktion und Markt, dem Austauschplatz der Produkte als Waren, den Wert verankert.
    In der Produktion von Arbeitsproduktion wird durch menschliche Arbeit immer Wert erzeugt, wenn das Produkt in der Warenproduktion über den Austausch eine gesellschaftliche Vermittlung erfährt. Zum welchem Wert sich das Produkt realisiert ist Sache des Marktes und der Käufer, der gesamten Umstände. Denn in ihm steckt individuelle Arbeit, die verausgabt wurde. Bei Marx geschieht dies ausschließlich, wenn die gesellschaftliche Vermittlung auf dem Markt erfolgt. Bei Müller immer, bei jeder Arbeit unter allen Produktionsverhältnissen als deren quasi menschlich allgemeine Eigenschaft. Bei Marx ist die Ware nach der Produktion nicht fertige Voraussetzung, sondern “werdendes Resultat”. Bei Müller ist die Ware immer, in jeglicher menschlichen Güterproduktion gegeben und die quasi natürliche Form der Produktion von Bedürfnisgütern und der Wert wird dual dieser Ware mittels einer 2. Art menschlicher Arbeit, der abstrakten, mitgegeben. Es ist unsinnig, der Ware ohne Austauschprozeß eine in der Produktion geschaffene Wertgröße zuzuordnen, wenn sie dort gar nicht bestimmt werden kann. Wenn dann Arbeit(szeit) gemessen und dokumentiert wird, kann es nicht der Wert sein. Man kann diesen Widerspruch überdecken, indem man eine zusätzliche abstrakte Arbeit während des Produktionsprozesses einen unerklärten Wert der Ware mitgeben läßt, wie es (nicht nur) der Autor, auch alle bisherigen Kapital-Interpreten, macht, aber dies ist ein Mythos. Und genau deshalb beginnt Marx die Analyse der kapitalistischen Warenproduktion mit der einzelnen Ware, die der äußeren Umklammerung des Kapitals entledigt ist.
    Klaus Müller jedoch belebt lieber die alte Frage nach Henne oder Ei, die unter den von ihm ausgemachten Kontrahenten ohnehin unstrittig ist, ob Wert in Austausch oder Produktion entsteht. Das riecht nach Scheingefecht. Diese Fragestellung ist aber müßig, zumal an dieser Stelle gar kein Gegner vorhanden ist. Produktion und Zirkulation sind unter den Bedingungen der Warenproduktion ein einheitlicher Zusammenhang, es gibt sie nicht getrennt, bzw. einzeln. Es gibt zwar Warenzirkulation ohne eine funktionierende Warenproduktion, aber die Produktion und der Austausch von Arbeitsprodukten ist trotzdem die Grundlage der menschlichen Gesellschaften, selbst unter den Bedingungen vor dem Kapitalismus.
    Es ist wesentlich wichtiger darauf zu rekurrieren was abstrakte Arbeit wirklich ist. Da kneift aber der Autor und geht seltsame Wege der „Transformation“ von Meßergebnissen konkreter Arbeit in angeblich abstrakte Ausdrucksformen.
    Der Wert ist nach Marxens Analyse der kapitalistischen Warenproduktion anhand der einzelnen Ware zufolge als Grundwiderspruch aller Arten von Warenproduktion die letzte Ursache aller in Erscheinungen tretenden weiteren Widersprüche und in der Kapitalgesellschaft dessen Bewegungsgesetz.
    Abstrakte Arbeit, d. h. allgemein menschliche Arbeit wird unter den Bedingungen der Warenproduktion selbst zur gesellschaftlichen Form der konkret nützlichen Arbeiten der Menschen. Es ist dann nicht nur eine immaterielle Beziehung von Menschen. sondern sie wird – vermittelt durch eine Beziehung von Arbeitsprodukten – eine gesellschaftlichen und gegenständliche Beziehung, die das menschliche und gesellschaftliche Leben dominiert.
    Daher ist der Wert eine gegenständliche Beziehung von Arbeitsprodukten, die über Gebrauchswerte hergestellt wird, sich aber, in der Warenproduktion, nur im gesellschaftlichen Maßstab über Werte messen läßt. Da abstrakte Arbeit bedeutet, dass sie keine eigenständige, zusätzliche Form menschlicher Arbeit ist, sondern, in der Warenproduktion, nur über eine Beziehung dieser Arbeitsprodukte (Gebrauchswerte) zur gesellschaftlichen Form dieser Arbeitsprodukte wird und damit eine gesamtgesellschaftliche Vermittlungsstruktur generiert, kann man abstrakte Arbeit auch nicht direkt und unmittelbar zum Messen und Beurteilen einsetzen, weil ihre gesellschaftliche Wirksamkeit nur über einen gesamtgesellschaftlichen Ausgleichsmechanismus wirksam wird.
    Wie Marx im Kapital schrieb: “Es ist dies kein Mangel dieser Form, sondern macht sie umgekehrt zur adäquaten Form einer Produktionsweise, worin sich die Regel nur als blindwirkendes Durchschnittsgesetz der Regellosigkeit durchsetzen kann.” Die Grundeinheit dieser Produktionsweise ist der Wert und da es ihn in einer allgemeinen gesellschaftlichen Form geben muss, das Geld. Den Wert aus dem Geld entspringen zu lassen zeigt schon die Ahnungslosigkeit und abstrakte Arbeit direkt zum Messen der Arbeitszeit einzusetzen zeigt, dass bei Müller einiges durcheinander geht.
    Um eine Produktionsweise, die bar dieser Widersprüche ist, erreichen zu wollen, ist die Aufhebung des Wertes und seiner Kategorien Ware, Geld, Kredit, Zins etc. unbedingte Voraussetzung. Setzt man hier an, kann es keine wie auch immer gestaltete sozialistische, humane oder grüne Marktwirtschaft, die sich ja auf den Wert stützt, geben. Den Theorien dafür entbehrt jegliche Berechtigung, sich auf Marx zu beziehen. Ist denn dann der Vorwurf, den Müller empört von sich und dem „Marxismus“ weist, Marx, bes. seine Werttheorie, nicht verstanden und ihn verfälscht zu haben, so falsch? Was nicht heißt, siehe Müllers Replik (z.B. S. 47) zur Relativität ökonomischer Aussagen, daß damit die NML Recht hätte.
    Da der „Marxismus“ einen Schalter umzulegen gedenkt, mit dem aus der kapitalistischen Warenproduktionsweise eine sozialistische wird, kann er den Wert nicht beseitigen wollen, denn er setzt ja ebenfalls auf die Ware als unabdingbar für die Vermittlung von Gebrauchsgütern zwischen Produzenten und Konsumenten. Dazu braucht er aber unbedingt einen Wert, der sich analog der bürgerlichen Ökonomik berechnen läßt, denn keine Warenwirtschaft und auch keine VWL ist ohne „Wertmessung“ möglich.
    Doch was wird da eigentlich gemessen? Der Wert einer Ware/der Waren, entstanden im Produktionsprozeß unter der Bedingung des widersprüchlichen Auseinanderfallens von Produzenten und Eigentümern, realisiert sich erst durch den Vergleich dieser auf dem Markt als Verhältnisse zwischen ihnen, also nach dem dann bereits abgeschlossenen Produktionsprozeß, und nicht durch abstrakte Arbeit während der Produktion. Eine Wertmessung anhand des Produktes ist nicht mehr möglich, da der Produktionsprozeß nicht reproduzierbar, eine unbedingte wissenschaftliche Voraussetzung, die nicht gegeben ist. Man kann jedoch immer die individuelle konkrete Arbeit(szeit) messen, was auch erfolgt und dokumentiert wird. Daraus wird eine Durchschnittsarbeitzeit ermittelt und es sind die erzielten Marktpreise festgehalten. Damit verfügt man über einen Geldausdruck der durchschnittlichen konkreten Arbeitszeit für eine Ware (Müller: „„gesellschaftlich(e) Arbeitszeit“ … mit Hilfe des Geldes““. Dies wird uns, etwas anderes ist nicht da, als „Wert“ verkauft. Müllers Ausrede in diesem Zusammenhang lautet selbst entlarvend: Marx spricht von Wertgröße (worauf sich sein Bezug beschränkt), also kann man den Wert wie jede (physikalische) Größe auch messen.
    Die Volkswirtschaftslehre, auch nicht die „sozialistische“, kann gar nicht der Werttheorie von Marx entsprechen, sie ist untrennbar existentiell zumindest in bekannten Varianten der Marktwirtschaft eingebunden. In ihrer „sozialistischen“ Variante ist sie das, was Marx selbst befürchtete, das Nichtverständnis der „Professoren“ dafür auf sehr lange Zeit. Eine weiteres, den Wert berührende Theorem ist auf S.82 zu den Produktionsverhältnissen zu finden: “Am wichtigsten, weil alle anderen prägend, sind die Eigentumsverhältnisse.“ Das ist zunächst richtig, jedoch in dieser Funktion höchst fragwürdig. Diese Funktion in der marxistischen Theorie lautet: kapitalistische Eigentumsverhältnisse – Revolution – sozialistische Eigentumsverhältnisse. Diese Aussage hat in der „marxistischen“ Theorie einen herausragenden Platz, begründet sie doch die Revolutionstheorie, die den politischen Sturz und die Enteignung der Kapitalisten, damit die Errichtung von „Volkseigentum“ und die „sozialistische Marktwirtschaft“ herbeiführen soll. Warum nur spotteten dann Marx und Liebknecht über die, die an allen Ecken eine revolutionäre Situation ausmachen? Für Marx u.a. war die Revolution eine andere Produktionsweise aus der Entwicklung der Produktivkräfte in der vorigen Produktionsweise und der Wert das wichtigste Produktionsverhältnis in jeder Marktwirtschaft. Die Begründung dazu ist in der Neuerscheinung „Das Kapital 1.5. Die Wertform“ und in der Schrift von Dieter Wolf ³ erläutert. Aber bisher traut sich seit 2017 auch Klaus Müller nicht daran, dies widerlegen zu wollen, lieber arbeitet er ohne Bezug darauf seine alten theoretischen Ergüsse ab. Müller zitiert als Beweis ausgerechnet Marxens richtige Feststellung, die diese These gerade nicht zuläßt: „Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen (…), innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. (…). Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolutionen ein [dito]. Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um (…). Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind.“ Eigentlich bringt damit der Autor selbst den Widerspruch zwischen Marx und den „Marxismus“ zu dieser Frage ans Licht, verdreht er doch den Sinn in dieser Aussage von Marx. Da und auch woanders steht gar nichts von einer durch eine Partei, die sich selbst zur Avantgarde des Proletariats erhebt, ihre Diktatur unter dem Mantel einer vorgeblichen proletarischen errichtet und gewaltsam die Produktionsverhältnisse umzubrechen versucht, betriebenen Umwälzung der Produktionsweise, sofern dies überhaupt möglich sein kann. Es ist ja generell zu zweifeln, ob die von Marx erahnte Entwicklung der Produktivkräfte als Voraussetzung für neue Produktionsverhältnisse bisher je gegeben war, vor einer dominierenden Automatisierung der Produktion. Die bisherigen „proletarischen Revolutionen“ waren höchstens Vorläufer, von vorn herein zunächst zum Scheitern verurteilte Versuche einer Umwälzung der politischen Machtverhältnisse, von der man sich auch die Umwälzung der Produktionsverhältnisse erhoffte. Diese Bewegungen jedoch sind historisch immer wieder so geschehen, sie bilden die Bewegungsform der Periodizität sozialer Prozesse in ihrer Widersprüchlichkeit von auf und ab. Der letzte Versuch, der „real existierenden Sozialismus“, schaffte eben nicht, und konnte es auch nicht, neue Produktionsverhältnisse zu bilden, weil die Grenzen der alten für die Entwicklung der Produktivkräfte noch nicht ausgereizt waren, wie Marx im Zitat prognostizierte, und das Konzept sozialistischer Marktwirtschaft nicht der Marxschen Werttheorie entspricht. Die sozialistische Marktwirtschaft etabliert den Wert wiederum bzw. läßt ihn weiter bestehen, obwohl er neuen Produktionsverhältnissen entgegen steht, die alten reorganisiert bzw. selbst dann wiederum das wichtigste ist. Die Produktivkräfte beginnen erst jetzt neue Produktionsverhältnisse unbedingt zu verlangen, weil sie durch die alten in die Richtung der Vernichtung der Menschheit gedrängt werden. Seine ausführliche Darstellung zum Verhältnis Produktivkraft : Produktionsverhältnisse schließt er mit einem ungenauen, Widerspruch heischenden Satz ab: „Im produktiven Sektor der Volkswirtschaft werden Werte und Mehrwerte erzeugt.“ Auch hier postuliert er nochmals die „marxistische“ Definition über die Wertproduktion, nach der im Warenproduktionsprozeß gleichzeitig mit der Gebrauchswertschaffung der konkreten Arbeit eine abstrakte Arbeit den Wert in die Ware bringt. Wenn aber der Wert erst auf dem Markt als Vergleich von Waren untereinander entsteht, wieviel Wert wird dann in der Produktion der Ware eingegeben, wenn dessen Größe noch nicht bekannt ist? Würde er seine Zitate (hier S. 51: „Das Kapital kann also nicht aus der Zirkulation entspringen und es kann ebenso wenig aus der Zirkulation nicht entspringen. Es muß zugleich in ihr und nicht in ihr entspringen“) richtig anwenden, müßte es in Umkehrung heißen: „Im produktiven Sektor der Volkswirtschaft werden Werte und Mehrwerte erzeugt und nicht erzeugt.“ Dann hätte er Marxens scheinbar „widersprüchlichen“ Satz richtig eingeordnet. Die Auflösung dieses Rätsels ist eben die Darstellung des Werts als ein gesellschaftliches Verhältnis von Arbeitsprodukten, welches in der Produktion dieser Arbeitsprodukte entsteht, aber erst im Austausch dieser Arbeitsprodukte seine gesellschaftliche Form erhält und realisiert wird. Davon ist bei Müller noch nie was zu lesen gewesen. Dieses wichtige Zitat bringt der Autor wohl nach dem Vollständigkeitsprinzip ein, jedoch ohne jede Konsequenz für seine theoretischen Abhandlungen. Wieder interessant wird der Autor in Bezug aufs Thema Wert mit „Woher kommt der Profit?“ (S. 129) Er erteilt zunächst Ulrike Herrmann, die eigentlich journalistisch und kaum wissenschaftlich sich auch dazu äußert und mit mehreren Büchern, jüngst mit „Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung“, Furore macht, eine Abfuhr zu ihrer Behauptung, Marx habe nicht gewußt, woher Mehrwert und das viele Geld komme. Allerdings tritt er u.E. mit merkwürdiger Argumentation auf: “Aber was ist Mehrwert und was sein Unterschied zum Profit? … Volkswirtschaftlich ist klar: Was der Käufer durch niedrige Preise beim Kauf gewinnt, geht dem Lieferanten an Wert verloren. Zusätzlicher Wert, den der Verkäufer durch hohe Absatzpreise erhält, ist Wert, den der Käufer verliert. In der Zirkulation, durch Tauschen, entsteht kein Wert. Hier kann Wert nur unter Käufern und Verkäufern umverteilt werden. … Der Wert wird in der Produktion geschaffen.“ Aber bestimmt nicht so, wie es Müller erklärt. Das ist die volkswirtschaftliche Betrachtungsweise, die die Einimpfung eines Wertes durch abstrakte Arbeit während des Produktionsprozesses voraussetzt, und eine Verbindung von Produktion und Markt bei der Entstehung des Wertes nach dem Marxschen Satz „Das Kapital kann also nicht aus der Zirkulation entspringen und es kann ebenso wenig aus der Zirkulation nicht entspringen. Es muß zugleich in ihr und nicht in ihr entspringen“ ignoriert. Warum aber hat dann der Autor diese Marxsche Erkenntnis überhaupt zitiert, wenn er sie in dem dafür zutreffenden Zusammenhang nicht anwendet? Um mit Phrasen seine Glaubwürdigkeit zu erhöhen? Müller stellt die rhetorische Frage: “Woher kommt der Profit?“ und nähert sich damit seinem Abschnitt zum Wert. Er verwendet öfter wie hier den fragwürdigen Begriff „Wertschöpfung“, mit dem eine Einbringung von Wert durch abstrakte Arbeit während des Produktionsprozesses kaschiert in die theoretische Darstellung erfolgt. Das zeigt, das auch Klaus Müller nicht weiß, was Wert ist. Mehrwertproduktion entsteht aus der Ausnutzung der Ware Arbeitskraft, aber der Wert ist auch dann vorhanden, wenn nur Finanzjongleure und Händler den Markt beherrschen. Er kommt nur in der Zirkulation vor, weil er durch menschliche Arbeit erzeugt wurde, die aus konkreter und abstrakter Arbeit besteht, sich dies aber erst lange nach der Produktion im Austausch zeigt, wenn die Arbeitsprodukte erst hier als Waren getauscht werden. Daher gibt es eben Wert, Geld und Finanzkapital schon in vorkapitalistischen Gesellschaftsformen, ohne daß die menschliche Arbeitskraft als Ware benutzt wird, auch Sklavenarbeit besteht aus konkreter und latent auch aus abstrakter Arbeit. Dies zeigt sich eben dadurch, dass der Wert allein als Zirkulationsform existieren kann und sogar Geld und Kapital heckt, obwohl die Arbeit nicht als Ware existiert. Dazu muss man aber genau wissen, was abstrakte Arbeit genau ist und nicht im Nebel fabulieren. Müller und alle „Marxisten“ können das bei Dieter Wolf genau nachlesen! Diese Zusammenhänge und Argumente führt zwar Klaus Müller an verschiedenen Stellen auch an, läßt sie aber dann isoliert stehen, wenn es um die Entstehung des Wertes (auf dem Markt) gehen. Das scheint sein großer Irrtum zu sein.
    2. Definitionen zu Ware und Wert
    In der Buchmitte kommt Klaus Müller explizit zu Ware und Wert, wobei interessant ist, daß er diese Kategorien als Begriffe, etwas Subjektives, angeht. Ihm geht es demnach nicht vorrangig um objektiv vorhandene ökonomische Verhältnisse und Kategorien, sondern verklärt sie zur Ansichtssache. So ist auch das ganze Buch angelegt. Sieht er im Wert etwa ein vorwiegend geistiges Produkt? Dann müßte auch seine Fragestellung (S. 144) so gemeint sein: Wer von den Marxisten Recht habe, was wohl Marx in ersten Abschnitt des ersten Buches zum „Kapital“ behandelt habe, die einfache oder die kapitalistische Warenproduktion. Er nimmt dazu seine Antwort in der Überschrift vorweg: „Sie haben Recht und irren trotzdem“. Er verweist auf eine Lösung der gedachten Dialektik als Methode, nicht der realen Vorgänge. Es kann nicht eine Frage des Denkens sein, die sowohl als auch der Interpretation je nach „Schule“ die Antwort offen hält. Die Antwort wäre, daß die Fragestellung bereits falsch ist. Marx behandelt dort die Einzelware nicht entweder oder als einfach oder kapitalistisch geprägt, sondern allgemein die Eigenschaften der Ware unabhängig von der äußeren Form der Produktionsverhältnisse, als Gegenstand unter Ausschluß dieser Bedingungen, wodurch er die Eigenschaften jeder Ware in allen Produktionsweisen, einfach oder kapitalistisch, aufzeigt. Diese sind jedoch anhand der einfachen Warenproduktion zu sehen, wobei diese Eigenschaften genauso für die kapitalistische gelten. Marx behandelt demnach an erwähnter Stelle sowohl die einfache als auch die kapitalistische Warenproduktion. Insofern gibt es auch keinen Widerspruch zwischen Marx und Engels Aussagen dazu. Klaus Müller liegt zunächst nicht in dieser Spur, er beantwortet auch die Frage, die eigentlich so nicht zu stellen ist: „… weil die Ware, von der am Beginn des „Kapital“ die Rede ist, die kapitalistische Ware ist,…“ (S. 146 unten). Mit Bravour zieht er gegen die NML ins Feld, aber auch hier zu dem Zweck, alle Kritik am „Marxismus“ und ihn als Angriff auf Marx zu diffamieren. Nicht alle Kritiker des „Marxismus“ sind der NML zuzuordnen.
    Zu Müllers Ehre ist zu sagen, daß auch er unter Verweis auf die „DDR-Lehre“ (Lemnitz) diese Fragestellung als falsch ansieht (S. 148 oben). Die Richtigstellung der Frage ist dabei in dem anschließenden Satz zu finden, der von Müller zur Verteidigung der „DDR-Lehre“ angeordnet wird: „Die betrachtete Ware ist noch nicht kapitalmusspezifisch, aber sehr wohl kapitalistisch. Ware, Wert und Geld sind Kategorien der kapitalistischen Warenproduktion, weil sie Kategorien der Warenproduktion sind.“(S. 148) Diese Beweisführung unternimmt er ausführlich.
    Einer seiner Thesen, hernach aufgestellt, muß jedoch widersprochen werden, weil sie auf seinem Nichtverstehen des Wertes beruht. Er verortet den Austausch von überschüssigen Waren in die einfache Warenproduktion („des Mittelalters“) (S.150) und übersieht, daß zu jeder Warenproduktion nur die als Ware geplante und gefertigte gerechnet werden kann. Der zufällig überschüssige Teil der Güterproduktion ist noch keine Ware, da er nicht zum Zwecke des Austausches gefertigt wurde.
    Aufhorchen läßt eine das Thema Ware abschließende Passage (S 151): „Er [Marx] untersucht das, was im allgemeinsten Sinne der Warenproduktion auch für deren kapitalistischen Typ gilt. Wenn ein Produkt zur Ware wird, dann, weil es Merkmale annimmt, die ein Ding zur Ware machen, gleichgültig, ob es unter vorkapitalistischen, kapitalistischen oder nachkapitalistischen Bedingungen produziert wird.“ Der Autor geht fest davon aus, daß die Warenproduktion das ewige Moment der menschlichen Gesellschaft, (wie auch einst der große Theoretiker Gregor Gysi, der gewiß schon mal „Das Kapital“ in seinen Händen hielt, formulierte, er könne sich keine Gesellschaft ohne Waren vorstellen) und die „sozialistische Warenproduktion“ eine nicht zu hinterfragende Selbstverständlichkeit ist. Dann hätte ja die Ware schon immer bestanden und mit der „Menschwerdung des Affen“ das Licht der Erde erblickt.
    Fragt sich dann nur, warum Marx soviel Aufwand betrieb. Gottes Wille muß nicht analysiert werden.
    Seiner seltsamen Gliederung folgend, Begriffe anstatt die realen Zusammenhänge zu erläutern, was er dann innerhalb der Gliederung aber auch versucht, unternimmt der Autor im Teil Begriffe zu Ware und Wert recht umfangreich und präzis eine Analyse vieler Seiten der bekannten Interpreten, die Marx bewußt oder unbewußt nicht verstehen bzw. mißdeuten. Wie oft beginnt er seine Erläuterungen auch beim Wert mit dem Verständnisproblem, knüpft an allgemein verbreiteten Vorstellungen an. Dabei kommt ihm das Verdienst zu, über die Verfälschungen des Verhältnisses von Wert und Gebrauchswert durch die VWL und BWL, deren nicht-polit-ökonomischer Sichtweise geschuldet, aufzuklären. Er definiert anhand von Marx Wert und Gebrauchswert als dialektische Einheit. Dabei beantwortet er wichtige Fragen und folgt den Gedanken von Marx gut mit einfachen allgemein verständlichen Worten und leicht nachzuvollziehenden Zusammenhängen, wohl das Ziel seines Buches, nur eine, die entscheidende Frage spart er im Abschnitt Wert aus: Wo genau entsteht der Wert und ab wann wäre er meßbar, wenn es die Möglichkeit gäbe? Klaus Müller zitiert völlig richtig die Einordnung Aristoteles‘ Genie durch Marx: „Nur die historischen Schranken der Gesellschaft, worin er lebte, verhindert ihn herauszufinden, worin denn in ‚Wahrheit‘ dies Gleichheitsverhältnis [Tauschwert] besteht.“ Analog könnte konstatiert werden, daß Klaus Müller sehr viele Zusammenhänge, die Marx entdeckte, gut und richtig verarbeitet und wiedergibt. Doch verhindert seine Selbstverortung in der „marxistischen“ Theorie, die Entstehung und den Charakter des Wertes vollständig aufzunehmen und in seine Auffassungen zu integrieren. Um seine berechtigte Kritik an den Marxkritikern aufzugreifen, auch er bedient sich der volkswirtschaftlichen Sicht auf das polit-ökonomische Problem Wert, weil er den Übergang zu einer Theorie der sozialistischen Marktwirtschaft herstellen will und deshalb den Wert, der das aber dann nicht ist, messen zu können. Dabei werden aus Größen der konkreten Arbeit Größen der abstrakten per Definition gemacht. Ohne diesen Kunstgriff gäbe es keine Theorie und Praxis der sozialistischen Marktwirtschaft. So muß er den Wert, der von ihm richtig erkannt auf dem Markt entsteht, schon vorher in der Produktion in Form von Quanta abstrakter Arbeit neben der konkreten Arbeit in das Produkt einbringen, eine recht schematische, eher physikalische Vorstellung. Der Produzent stellt also eine Ware her mittels seiner konkreten Arbeit und hinterhältig, wie er ist, schiebt er dabei ein bißchen abstrakte Arbeit auch dorthin. Woher nimmt er sie denn, aus der Luft? Ist es nicht eher so, daß erst auf dem Markt der Wert durch den Warenvergleich entsteht und dabei erst der Doppelcharakter der menschlichen Arbeit aufgerufen ist, nicht vorher? Dann wären Müllers u.a. Interpretationen nicht zu halten.

    Unter Dimensionen schreibt er: „Die Arbeitswerttheorie ist der Schlüssel zum Verständnis der kapitalistischen Reproduktion. Der Wert hat 3 Dimensionen. Er ist ein Verhältnis der Warenproduzenten, das unter dinglicher Hülle verborgen ist. Menschen gehen objektiv Beziehungen untereinander ein, indem sie füreinander produzieren. Würde der Wert erst im Tausch gebildet, wäre es kein Produktions-, sondern ein Tauschverhältnis. Es ist aber ein Verhältnis, daß die privaten Produzenten in der Produktion eingehen, ein Produktionsverhältnis, das an der Oberfläche der Märkte als ein Verhältnis von Sachen erscheint. ‚Im Prinzip gibt es keinen Austausch von Produkten, sondern einen Austausch von Arbeiten, die zur Produktion zusammenwirken.‘ Und ‚Indem sie ihre veschiedenartigen Produkte im Austausch als Werte gleichsetzen, setzen sie ihre verschiednen Arbeiten einander als menschliche Arbeit gleich. Sie wissen es nicht, aber sie tun es.‘ [Marx, Zitate]
    Die Aussage, daß der Wert ein Produktionsverhältnis ist, hat – beinahe zwangsläufig, ist man geneigt zu sagen – Verwirrung gestiftet. Die erste: Arbeitsprodukte können keinen Wert haben, weil man gesellschaftliche Verhältnisse nicht in einem Ding unterbringen kann. Die zweite: Werte kann man nicht messen, weil man gesellschaftliche Verhältnisse nicht messen könne. Man darf nicht übersehen, daß der Wert eine zweite Dimension hat. Er hat eine Substanz. Die Substanz ist die abstrakte Arbeit, die in Arbeitszeit gemessen wird. Die dritte Dimension ist die Wertgröße. Sie ist die Arbeitszeit, die gesellschaftlich – nicht individuell – nötig ist, um eine Ware herzustellen. Doch welche Arbeitszeit ist das? … Wodurch werden die „gesellschaftlichen Notwendigkeiten“ festgelegt, und vor allem, wie? Viele glauben, die Frage könne niemand beantworten. Und das aus guten Gründen.
    … Von ihrer Beantwortung hängt eine weitere Frage ab, über die sich Ökonomen Jahrhunderte lang den Kopf zerbrochen haben: Wie kommen Tauschrelationen zustande? Preise sind in Geld ausgedrückte Tauschrelationen; eine Ware tauscht sich mit einem Geldbetrag. Im Kapitalismus berechnet tatsächlich niemand den Wert. Er ist das Gesetz des Preises, das sich im Verborgenen durchsetzt. Eine gemeinschaftliche Produktion aber, die von vornherein die Arbeit in gesellschaftlich notwendigen Proportionen verteilen will, muß ihn berechnen. Und prinzipiell ist das möglich, de facto aber schwer. Soll heißen es ist bekannt, wie man es machen müßte. Mit Input-Output-Modellen kann die volle Arbeitszeit [welche? Müller vollzieht hier den Übergang zu nichts anderem als den so erfolgreichen „Realsozialismus“.] zur Herstellung der Ware berechnet werden. Sie entspricht dem Kehrwert der gesellschaftlich notwendigen Arbeitsproduktivität, in der die jeweilige Ware erzeugt wird. Daß sich diese Größe ändert, ist kein Grund, ihre Ermittlung zu unterlassen, sondern diese in bestimmten Abständen zu wiederholen, sie quasi als permanente Aufgabe zu betrachten. Die besondere Schwierigkeit der Berechnung ergibt sich daraus, daß es einer Reihe von Informationen bedarf, die nicht verfügbar sind und geschätzt werden müssen. Der Wert einer Ware ist nämlich nicht gleich der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit, die zu ihrer Erzeugung geleistet wurde, sondern die, welche zur Reproduktion, d.h. zu ihrer erneuten Herstellung erforderlich ist.“ (S. 165 f )Hier breitet sich die ganze Schönheit der „Sozialistischen Marktwirtschaft“ aus. Dazu muß er aber wie hier einige Zäune einreißen. Entgegen seiner formalen und ansonsten nirgends angewandten Erkenntnis, daß es in der Ökonomie oft kein entweder/oder gibt, läßt er hier auch davon ab. Für ihn gibt es nur ein Tausch- oder ein Produktionsverhältnis (siehe oben). Daß das Tauschverhältnis, der Wert, der im Tausch entsteht, auch die Produktionsverhältnisse ausmacht und somit beide gleichzeitig existieren und das Produktionsverhältnis dann alle anderen Relationen bestimmt, ist ihm fremd. Zu seinem Anliegen, der Theorie einer sozialistischen Marktwirtschaft würde das auch nicht passen.
    „Zur Beantwortung der Frage, wie die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit bestimmt wird, sollen einige Anregungen erfolgen. Sie knüpfen an zwei Hinweisen an, die Marx gab. Sie zeigen auch, wie unbegründet dabei der Vorwurf ist, wer die Wertgröße untersucht, nur die Quantität, nicht aber die gesellschaftliche Qualität im Auge habe, (Harbach 2011: 43). Denn die Arbeitszeit, die die Wertgröße bestimmt, ist nicht diejenige eines isolierten Individuums, sondern ergibt sich aus den gesellschaftlichen Bedingungen der Produktion. Sie ist die gesellschaftlich durchschnittliche oder gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit. Deshalb erfaßt, wer die Wertgröße untersucht, zwangsläufig deren gesellschaftliche Qualität.“ Und mit dieser Gewißheit mißt Klaus Müller Größen der konkreten Arbeit und erklärt sie zur abstrakten. Das ist alter Wein in alten Schläuchen, schon x-mal vom Autoren auch an anderen Stellen dargebracht.
    Müller behandelt in seinen Input-Output-Modellen den Wert nur als Gebrauchswert, auch wenn er das als Wert bezeichnet und es nicht besser weiß; für ihn wird die abstrakte Arbeit in Arbeitszeit (S.165) gemessen, auch wenn man die nicht direkt messen kann, sondern nur über einen gesamtgesellschaftlichen Ausgleichsmechanismus.
    Es ist richtig, dass man nur den Gebrauchswert messen kann und man nur über einen gesellschaftlichen Ausgleichungsprozess zum Wert und zur Wertgröße gelangt. Für Müller ist das alles gleich und dasselbe und seine abstrakte Arbeit macht alles vergleichbar, berechenbar und kann direkt gemessen werden – als vergangene und neuwertige Arbeit.
    Wenn der kapitalistische Reproduktionsprozeß so einfach mathematisch auf zu schlüsseln wäre, hätte es keinen Karl Marx gebraucht, dann hätte auch ein Müller gereicht.
    Der Wert beruht auf dem Gebrauchswert, aber er ist davon unabhängig, eine eigenständige gesellschaftliche Größe, die – im Kapitalismus – durch einen gesellschaftlichen Ausgleichungsprozeß zustande kommt, der sich gegensätzlich und z. T. unabhängig zum Gebrauchswert verhält. Diesen Zusammenhang als widersprüchlichen und gegensätzlichen zwischen Gebrauchswert und Tauschwert hat Marx dargestellt und man kommt der Sache nicht näher, wenn man die Ebenen vermengt und so tut, als ob man den Wert als Gebrauchswert messen könnte.
    Den Rest seiner Theorie sparen wir uns deshalb.
    Auf einen interessanteren Ausgangspunkt zur Schaffung einer nicht-warenproduzierenden Gesellschaft, die wichtigste Schlußfolgerung aus der Wertformanalyse von Marx, verweist Rainer Schreiber in seinem Artikel vom 18.12.2019 9:
    „Die interessantere Lösung – anspruchsvoller, weil utopischer, aber dennoch rationeller, da der Sache nach nicht per se unrealistisch -, den Kapitalismus abzulösen, nachdem er wohl die produktiven Kräfte so weit getrieben hat, dass er sich selbst ad absurdum führt, steht leider nur selten auf der Agenda der Debatte.
    Wie bemerkte der Philosoph Alain Badiou vor einiger Zeit? Die Leute können sich absurderweise eher den Untergang der Welt vorstellen als das Verschwinden des Kapitalismus. Die umfassende Propaganda für das “beste System aller Zeiten” hat insofern ganze Arbeit geleistet.
    Aber: Auch die Sklaverei war irgendwann als herrschendes Produktionsverhältnis der Gesellschaft verschwunden. Andersherum: Eine grundsätzlich andere Art zu produzieren, zu arbeiten, Ökonomie zu betreiben mag utopisch sein; aber noch utopischer ist es, darauf zu setzen, dass es einfach immer so weiter gehen kann.“
    Müller liegt richtig wenn er schreibt, dass der Wert – im Kapitalismus – nicht nur ein Tauschverhältnis, sondern auch ein Produktionsverhältnis, also Reproduktionsverhältnis ist. Er liegt nicht richtig, wenn er es darauf reduziert.
    Man muss immer beides sehen, als produziertes Produkt – ohne den Austausch – hat es keinen Wert und keinen Mehrwert. Es beruht auf Arbeit, d.h. auf durch Arbeit erzeugten Produkten, im Sonderfall (Grundrente) sogar auf Ertrag ohne Arbeit, aber es kann auch als reines Tauschverhältnis wirken, dass weiss man aber erst, wenn man verstanden hat, was der Wert als gesellschaftliche Größe wirklich ist. Und das weiss Herr Müller nicht.
    Doch ein Schmankerl des Autors sei noch erwähnt. Er läßt es sich nicht nehmen, daß vielleicht letzte wichtige Marx-Zitat ins Feld zu führen: „Der Unterschied zwischen konkreter und abstrakter Arbeit ist der ‚Springpunkt, um den sich das Verständnis der politischen Ökonomie dreht‘“ (S. 191). Wohlgemerkt, nicht „Der Doppelcharakter der Arbeit“, wie Marx es äußert, sondern der Unterschied zwischen konkreter und abstrakter Arbeit. Ein kleiner, aber feiner und entscheidender Unterschied. Mit diesem harmlos erscheinenden Trick biegt er die Marxsche Zeugenschaft genau auf seine Mühle, wonach der Wert durch abstrakte Arbeit in der Produktion entsteht, weil ja sonst der Wert kein Produktionsverhältnis sein könne, sondern ein Tauschverhältnis, ein Tauschwert.
    Es ist Klaus Müllers Verdienst, die Auffassungen des Marxismus zum Kern der Marxschen Theorie, der Wertformanalyse, nochmals konzentriert dargestellt zu haben. Mit dieser hat das nichts zu tun.
    Im Nachhinein fällt auf, daß Müller überhaupt nicht weiter auf den Tauschwert eingeht. Zufall oder Notwendigkeit aus seiner Theorie heraus?
    ¹ https://das-blaettchen.de/2019/11/irren-oekonomen-50189.html
    ² Klaus Müller: Geld – von den Anfängen bis heute, AHRIMAN-Verlag 2015
    ³ https://www.degruyter.com/view/j/zksp.2017.4.issue-1-2/zksp-2017-0010/zksp-2017-0010.xml
    4 https://www.heise.de/tp/features/Die-Wertform-Das-Fundament-der-kapitalistischen- Produktionsweise-4237120.html
    5 https://www.heise.de/tp/features/Wertgesetz-und-warenlose-Gesellschaft-4328275.html
    6 https://www.heise.de/tp/features/Nichtwarenproduktion-in-der-Gegenwart-4351813.html
    7 https://www.heise.de/tp/features/Das-Manko-der-marxistischen-Theorie-4412292.html
    8 https://www.neues-deutschland.de/artikel/1081770.karl-marx-der-springpunkt.html
    9 https://www.heise.de/tp/features/Obstpfluecker-Naeherinnen-und-Software-Ingenieure-4617053.html?seite=all
    Klaus Müller: Auf Abwegen. Von der Kunst der Ökonomen, sich selbst zu täuschen, PapyRossa Verlag, 335 Seiten, 24,00 Euro.

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